Wienerisch

Bewegt um die Jahrhundertwende „Vienne en Tramway“ von 1906

Ins bewegte Leben Wiens zur Zeit der Jahrhundertwende hinein spicken – eine solche Zeitreise wird möglich anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Österreichisches Filmmuseum“. Der Standard.at und das Filmmuseum starten eine Serie historischer Amateurfilme, Wochenschauen, Werbe- und Industriefilme sowie Dokumentationen, die zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1970er-Jahren in Wien gedreht wurden.

Eröffnet wurde die Serie Stadtfilme. Bewegte Bilder aus Wien gestern mit einer unkommentierten Straßenbahnfahrt durch das Wien des Jahres 1906: „Vienne en Tramway“ (unten in der Youtube-Kurzversion, hier im Original des Filmmuseums in lang).

Zum Serienstart sprach Michael Matzenberger für Standard.at mit Paolo Caneppele, dem Archivleiter des Filmmuseums, und Siegfried Mattl, dem Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte, über die sich ändernde Rolle des Archivars durch Internet und Smartphones, das Wienerische im Film und Verkehrspolizisten, die in weißen Handschuhen die Stadt dirigieren (zum ganzen Interview).

Die zentralen Fragen? Na, ob man in den historischen Filmen aus Wien etwas „genuin Wienerisches“ erkennen kann, das Klischee vom Morbiden etwa oder vom Raunzertum…

Im Gegenteil, verneint Paolo Canepple:

„Tod und Trauer werden kaum behandelt, Begräbnisse sind fast nie zu sehen. Genauso selten sieht man Leute, die streiten. Es sind fast immer glückliche, warmherzige Momente bei Familienfeiern oder im Urlaub. Das ist ein starkes Motiv: Die Wiener fahren gern weg und kehren mit Filmaufnahmen im Gepäck genauso gern wieder zurück.“

Und Historiker Siegfried Mattl ergänzt:

Bei Werbefilmen wurde auch öfter mit dem Wiener Dialekt und dem Schmäh gespielt. Was mir jedenfalls aufgefallen ist, ist die relativ hohe Energie, die Amateurfilmer in dieser Stadt darauf verwendet haben, Chronisten ihrer Zeit zu sein – beim Bau der Ringstraßenpassagen etwa. Und einen Schauplatz gibt es, der sich in allen Formen durch die Zeit zieht: den Prater. Prater und Kamera, das ist fast eine Liebesbeziehung der Dinge.

Prater und Kamera – fast eine Liebesbeziehung der Dinge. Foto:  Duc-Mike Ducati

Posts für die Bim am laufenden Band

Beeindruckend übrigens das Interesse der Wiener an diesen alten Aufnahmen, in nur etwa eineinhalb Tagen sammelten sich immerhin 246 Posts zu Wien 1906: In der Tramway durch die Weltstadt an. Was die User an dem Film bewegte? Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag…

Das Prater-Foto wurde mir freundlich zur Veröffentlichung auf meinem Blog überlassen von Duc-Mike Ducati. Herzlichen Dank!

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Die Kaffeehäuser sind ur-leiwand, sagt meine Kommilitonin

Was an Wien besonders ist? Auf alle Fälle die Kaffeehäuser! Das – und weiteres durchaus Interessantes – meldet meine Schreibstudiums-Kollegin Astis aus Österreich (die den Blog  „Schreibweisen“ betreibt). Kaffeehäuser, meint Astis, „sind wirklich “ur-leiwand”, und jedenfalls einen Besuch wert“. Dass Kaffeehäuser typisch Wien sind und ich dazu schreiben werde, versteht sich (hab‘ sogar schon eine Dobos-Torte gebacken und fotografiert, um den bereits phantasierten Beitrag illustrieren zu können). Was aber soll „ur-leiwand“ sein? „Echt supa“, übersetzt die Kommilitonin freundlicherweise auf Anfrage.

Gut -„ziemlich gut“ also. Was aber steckt inhaltlich im Wort „leiwand“? Ich könnte warten, bis ich die Kollegin Ende Februar in Berlin persönlich fragen kann, vielleicht am Abend bei einem Bier. Da wir uns mit der Bloggerei jedoch im Modul „Schreiben am Computer“ befinden und dort lernen sollen, was es heisst, in Zeiten des Web 2.0 zu leben, recherchiere ich vorab am Bildschirm, anstatt auf die bevorstehende Face-to Face-Begegnungen zu setzen,. Ich tippe „leiwand“ in den Google-Sucher und siehe: es kommt einiges heraus.

Zunächst zeigt sich, dass meine Assoziation mit dem Bier gar nicht so schlecht war. So schreibt das Magazin Wien Stadtbekannt unter der Rubrik „Unnützes Wienwissen“:

Leiwand. Im 15. Jahrhundert wurde das Bürgerspital in Wien zu einem internationalen Zentrum des Textilhandels. Den feilschenden Kaufleuten wurde Bier ausgeschenkt, das wegen des Leinenhandels bald Leiwandbier hieß. Das Bier hatte rasch einen sehr guten Ruf und so wurde der Ausdruck leiwand bald sprichwörtlich für etwas, das großartig ist.

Ziemlich unverhofft konfrontiert meine weitere Recherche mich dann mit einer eigenen biografischen Erfahrung, die ich verdrängt hatte und die jetzt wieder aufbricht. So schwant mir bei der Lektüre des von Simone betriebenen Blogs WORTdealer dunkel, das ich den Begriff „leiwand“ schon kenne und ihn vielleicht sogar schon benutzt habe – reichlich ahnungslos freilich. Leiwand, erfahre ich bei WORTdealer, lässt sich nämlich „regulär steigern“. (Ein Komparativ, der meine Erinnerung an einen zwei Jahrzehnte zurückliegenden Skiurlaub im Stubaital weckt.)

Rodeln is leiwand. Snowboarden is leiwander. Schifoan is des leiwandste!

Erinnert uns WORTdealer. Na? Klingelt es bei jemandem? fragt die in Stuttgart lebende aber im Herzen Rheinländerin gebliebene Bloggerin Simone und erklärt: “Ja Schifoan is des leiwandste, wos ma si nur vuastan kann”, das haben wir alle schon mal gesungen, nur schätze ich, dass etwa 78% der Deutschen Mitgröhler – genau wie ich – dabei gar nicht so genau wussten, was sie da singen.

Wer noch mehr Details wünscht, dem sei das inzwischen wohl verwaiste Forum Wien: Ein(e) Deutsche(r) in … empfohlen, dort von Meinrad Guggenbichler auch der ganze Text des Liedes von Wolfgang Ambros zum Mitsingen…

Zuletzt bringt mich meine Recherche noch zur Einsicht, den Begriff „leiwand“ als Deutsche in Wien besser nicht benutzen wollen zu sollen. Denn, so Kabarettist Severin Groebner: die Piefkes (zur Kulturgeschichte dieses Begriffs Jochim Riedel in der ZEIT) seien dazu einfach nicht in der Lage: „Dem Deutschen ist einfach der unendliche Variantenreichtum der wienerischen Knatsch-, Knorrtsch-, Zisch – und Umlaute nicht beizubringen“, erklärt er und jammert: „Trotzdem beginnt der Deutsche, sobald er sich einem Wiener gegenüber wähnt, sofort „wienerisch“ zu sprechen, oder des, was er dafür hält“.

Den Rest und alles andere zum Thema leiwand, sagt Severin Groebner Ihnen auf seinem Youtube-Video unten selbst: Wiener Charme, es lohnt sich! (Mehr von ihm sonst z.B. in seiner Kolummne in der Wiener Zeitung.)