Kaffeehauskultur

Glänzendes Gewebe aus Gegensätzen

Ein Überblick über die wichtigen Themen zu Wien um die Jahrhundertwende. Der Text wurde uns freundlich von Wien Tourismus zur Veröffentlichung überlassen.

Von Christa Veigl

Wien um 1900, das ist ein glänzendes Gewebe aus Gegensätzen wie „Traum und Wirklichkeit“ oder „Tod und Eros“ – und aus großen Namen der europäischen Kulturgeschichte. Am Beginn eines neuen Jahrhunderts konzentrierten sich in dieser Stadt Höchstleistungen der Literatur, Malerei, Architektur und Musik in einer Dichte, die ihresgleichen sucht.

Stadtwachstum und Stadtumbau

Dass Wien um 1900 zum kulturellen Zentrum Mitteleuropas werden konnte, setzte zunächst das rasante Wachstum zur Großstadt voraus, in Konkurrenz mit den europäischen Metropolen London, Paris und Berlin. Durch Zuwanderung und zwei Stadterweiterungen vergrößerte sich die Stadt im 19. Jahrhundert um ein Vielfaches. Zwischen 1870 und 1910 stieg die Einwohnerzahl von rund 900.000 auf mehr als das Doppelte (über 2 Millionen) an. Die erste Stadterweiterung um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte den Prachtboulevard Ringstraße und die an ihn grenzenden monumentalen Häuserblöcke hervorgebracht. Rund 1,6 km² füllten sich zwischen 1860 und 1890 mit Kulturstätten (Oper, Burgtheater, Museen), Wohnpalästen (Miets- bzw. Zinshäusern) und Monumentalbauten für Politik, Kommerz und Bildung (Rathaus, Parlament, Börse, Universität, Kunstgewerbeschule). 2015 steht in Wien ganz im Zeichen der 150. Wiederkehr der Eröffnung der Wiener Ringstraße, die am 1. Mai 1865 durch Kaiser Franz Joseph vorgenommen wurde (www.ringstrasse2015.info).

Gleichzeitig wurden alte Häuser umgebaut, aufgestockt oder ganz durch neue ersetzt. Damit erarbeitete sich die Wiener Architektur einen internationalen Ruf, die Bauindustrie prosperierte so, dass der Börsenkrach von 1873 sie nur vorübergehend lähmen konnte. Die Generation der Ringstraßenarchitekten hatte die großen öffentlichen Bauaufgaben bewältigt, für die Nachfolger blieben hauptsächlich private Aufträge. Immerhin war ein wichtiges öffentliches Infrastrukturprojekt, die für eine Großstadt unerlässliche Stadtbahn, so lange aufgeschoben worden, dass Otto Wagner es ab 1894 gestalten konnte: 45 km Bahnstrecke mit mehr als 30 Stationen.

Konfliktreiches Nebeneinander

Wien war die Hauptstadt eines weit über 50 Millionen Einwohner und an die 15 Nationen um-fassenden Reiches, der österreichisch-ungarischen Monarchie. Ihren Bestand sicherten vor allem der Langzeitregent Kaiser Franz Joseph I. (geb. 1830, reg. 1848-1916), die den Zusammenhang repräsentierende Symbolfigur, und der effiziente Verwaltungsapparat.

Aus allen Teilen des multinationalen Kaiserreiches strömten Zuwanderer in die Hauptstadt, verschiedenste ethnische und religiöse Gruppen trafen hier aufeinander. Ebenso verschieden und konfliktreich waren die sozialen Verhältnisse, speziell die Zuwanderer litten unter den ausbeuterischen Arbeitsbedingungen des Liberalismus. Damit schlug aber auch die Stunde für die Organisation der Arbeiter, Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie formierten sich.

Das Schlagwort „Völkerkerker“ illustriert die Nationalitätenproblematik aus der Sicht der slawischen Einwohner – und das waren beinahe 50 Prozent der Bevölkerung: Während die Ungarn seit dem „Ausgleich“ von 1867 zweite Staatsnation waren, besaßen die Slawen (Tschechen, Polen, Serben, Kroaten, Ukrainer usw.) keinen vergleichbaren Status. Was in dieser spannungsreichen Epoche und in der gegenseitigen Befruchtung der Nationalitäten aber entstand und bis heute Bestand hat, ist sehr viel mehr als die Wiener Küche mit ihrer ungarischen Würze und ihrer böhmischen Reichhaltigkeit.

Baukunst: Otto Wagner, Josef Hoffmann, Adolf Loos

Otto Wagner (1841-1918) war Wiener, aber beinahe die Hälfte der Absolventen seiner Spezial-schule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste, der „Wagner-Schule“, stammte aus den östlichen und südlichen Provinzen des Reiches. Beispielsweise Josef Hoffmann (1870-1956) aus Mähren oder Josef Plečnik (1872-1957) und Max Fabiani (1865-1962) aus Slowenien. Aus dem gemischtsprachigen Reichsteil Mähren (heute Tschechien) kamen auch Joseph Maria Olbrich (1867-1908) oder Adolf Loos (1870-1933).

Allein mit diesen Namen ist der wesentliche Teil des Baugeschehens um 1900 abgedeckt: die Stationen, Geländer und Brücken der Wiener Stadtbahn, Majolikahaus und Musenhaus an der Wienzeile, die erste moderne Kirche Europas, nämlich St. Leopold am Steinhof, und die Post-sparkasse, allesamt von Otto Wagner zwischen 1894 und 1910 entworfen. Die Villen von Josef Hoffmann, der 1903 gemeinsam mit Kolo Moser die Wiener Werkstätte gründete. Eine der Hoffmann-Villen auf der Hohen Warte ist das Doppelhaus für die Künstlerkollegen Kolo Moser und Carl Moll. Zwei Häuser weiter, in der Villa Ast, führte in den 1930er-Jahren Alma Mahler-Werfel, femme fatale des 20. Jahrhunderts und Titelheldin in Paulus Mankers Theater- und Partyspektakel „Alma“, ihren prominenten Salon. Das Ausstellungsgebäude der protestierenden Jungen, die „Secession“, baute Olbrich, der Wagners Mitarbeiter war. Die Wagner-Schüler Plečnik und Fabiani zeichnen für Zacherl-Haus und Heilig-Geist-Kirche bzw. Artaria-Haus und Urania verantwortlich.

Adolf Loos, der Streitbare, verpflichtete den Architekten auf das klassische Ornament. Das Erfinden neuer Ornamente hielt er für eine zeitverschwenderische Degenerationserscheinung. Als solche verstand Loos insbesondere die Jugendstil-Ornamente von Wagners Schülern und Mit-arbeitern und beinahe alles, was aus der Wiener Werkstätte kam. Das von Adolf Loos für die Schneiderfirma Goldman & Salatsch errichtete Wohn- und Geschäftshaus auf dem Michaelerplatz kommt mit sparsam eingesetzter klassischer Ornamentation aus. Aber damit konnten die meisten an üppiges Neo-Barock gewöhnten Zeitgenossen noch viel weniger anfangen als mit dem „neuen“ Jugendstil-Dekor und verspotteten es als das „Haus ohne Augenbrauen“.

Literatur & Kaffeehaus

„Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben nichts weiter getan als gezeigt, dass zwischen einer Urne und einem Nachttopf ein Unterschied ist …“, schrieb Karl Kraus (1874-1936) – übrigens in Böhmen geboren – über die Geistesverwandtschaft mit seinem Freund Loos. Maler und Musiker, Architekten, Dichter, Journalisten und andere Intellektuelle trafen sich im Café Griensteidl, im Café Central oder im Café Museum. Das Griensteidl befand sich im Vorgängerbau des 1899 fertig gestellten neobarocken Palais Herberstein am Michaelerplatz. Das Herberstein-Palais zeigt jenen ornamentalen Reichtum, den viele am gegenüberliegenden, nur zehn Jahre später errichteten Goldman & Salatsch-Gebäude, heute „Loos-Haus“ genannt, vermissten. In den 1890er-Jahren war das Café Griensteidl Treffpunkt des Literatenkreises „Jung Wien“ um Hermann Bahr gewesen. Karl Kraus, ebenfalls Stammgast im Griensteidl, hatte an der anti-naturalistischen literarischen Moderne und ihrem Hang zur „Décadence“ vieles auszusetzen, besonders an Hermann Bahr. In der „Fackel“, der von 1899 bis 1936 herausgegebenen und zum größten Teil von Kraus allein verfassten Zeitschrift, machte er alles zum Stoff seiner Satire, was ihm missfiel. Solches Missfallen verschaffte Hermann Bahr jahrzehntelange Präsenz in der „Fackel“.

Nachdem Kraus ins Café Central gewechselt war, rechnete er in der Satire „Die demolirte Literatur“ mit der im Literatencafé beheimateten „Jung-Wiener-Dichtergalerie“ ab. Zum Titel veranlasste ihn der Abriss (die Demolierung) besagten Vorgängerbaus samt Schließung des Cafés Griensteidl 1897. (1990 wurde im Palais Herberstein ein neues Café mit dem Namen „Griensteidl“ eröffnet.) Nichtsdestotrotz war Karl Kraus Freund und Förderer von Peter Altenberg (1859-1919), des Lebenskünstlers und Kaffeehausliteraten par excellence, Zu dessen Freundeskreis wiederum zählte auch Alban Berg, ein Repräsentant der musikalischen Moderne, der Orchesterlieder nach Texten von Altenberg komponierte.

Musikalische Moderne: Atonalität und Antisemitismus

Der Begriff „Atonalität“ bezeichnet am ehesten die Reizungen, mit denen die gerade an die Spät-romantik gewöhnten Ohren des Publikums konfrontiert waren, wenn Musik Schönbergs und seines Schülerkreises (u. a. Berg, Webern, Wellesz), der „Zweiten Wiener Schule“, zur Aufführung kam. Schönberg, der später eine Methode der „Komposition mit zwölf Tönen“ entwickeln sollte, dirigierte am 31. März 1913 im Goldenen Saal des Musikvereins den als „Watschenkonzert“ in die Musik-geschichte eingegangenen Skandal. Am Programm standen Werke von Webern, Schönberg, Zemlinksy, Berg und Mahler. Nach der Pause, als Bergs Lieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg an der Reihe gewesen wären, beendete ein Tumult mit gerichtlichem Nachspiel das Konzert.

Gustav Mahler (1860-1911), auch in Böhmen geboren, war 1897-1907 Direktor der Wiener Oper und damit eine Art Regent der damaligen europäischen Musikszene. Streitigkeiten u. a. über zu häufige Engagements in anderen Städten und antisemitische Angriffe veranlassten Mahler schließlich, vom begehrten Amt des Wiener Hofoperndirektors zurückzutreten. Mahlers Gattin Alma ist wegen ihres abwechslungsreichen Liebes- und Ehelebens nicht nur Musikliebhabern bekannt. Das Paar hatte sich in einem der berühmten Salons des Wiener Großbürgertums, dem Bertha Zuckerkandls, kennen gelernt. Die schwierige Beziehung zu Alma mag mit ein Grund für Mahler gewesen sein, die Praxis des Dr. Freud aufzusuchen. Aber es kam bis ein Jahr vor Mahlers Tod nur zu abgesagten Terminen. 1910 trafen sich die beiden schließlich auf Reisen in Leiden (Holland) und Freud analysierte einen Nachmittag lang Mahlers Verhältnis zu Frauen.

Sexualität, Moral und Gesellschaft: Freud und Schnitzler

Üblicherweise fanden die Analysen in der Wiener Berggasse auf Freuds berühmter Couch statt und dauerten viel länger. Die Familie Freuds lebte seit 1860 in Wien, Sigmund war 1856 noch in Mähren zur Welt gekommen, in der neuen Heimat studierte er Medizin. 1896 verwendet Freud erstmals den Begriff „Psychoanalyse“, 1899 erscheint die auf 1900 vordatierte “Traumdeutung“. Dass Freud die Sexualität als Zentrum vieler Handlungen und Wünsche darstellt, stört(e) und verstört(e) viele. Seine Zeitgenossen um 1900 umso mehr, als in den ehelichen Beziehungen eine krasse Doppelmoral herrschte und alles Geschlechtliche ein von Ängsten und Neugier umgebenes Tabuthema war.

Wie Freud und Mahler, lernten sich auch Freud und Arthur Schnitzler (1862-1931) sehr spät kennen, obgleich sie in derselben Stadt lebten, in ähnlichen Kreisen verkehrten und verwandte Themen behandelten. Erst 1922 kam es zu einer persönlichen Begegnung und Freud schrieb in einem Brief an Schnitzler, er habe den Dichter wohl aus einer Art Doppelgängerscheu gemieden, da er in Schnitzlers Dichtungen die „nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse“ wie die eigenen zu finden glaubte.

Schnitzlers Vorfahren väterlicherseits stammten aus Ungarn. Arthur Schnitzler wurde zunächst Arzt wie sein Vater und befasste sich mit Hysterie- und Hypnosestudien. Als Schriftsteller behandelt er Sexualität, Verführung, Ehebruch und die damit verknüpfte Doppelmoral, aber auch den wachsenden Antisemitismus der Wiener Gesellschaft. Viele seiner Novellen und Theaterstücke, „Leutnant Gustl“, „Professor Bernhardi“, oder „ Der Reigen“, sind Klassiker der deutschen Literatur geworden. Schnitzlers „Traumnovelle“ inspirierte übrigens Stanley Kubrick zu seinem letzten Film „Eyes Wide Shut“ (1999).

Ödipus, Generationskonflikte und Traditionsverbundenheit

Die Geschichte von Ödipus, der seinen Vater tötete, ist seit der Antike Thema der Dichtkunst. Den Ödipuskomplex als wichtiges Entwicklungsstadium machte Freud bewusst. Vereinfacht und auf kulturelle Vorgänge umgelegt, müssen Künstler stets die Werke der vorausgehenden Generation in Frage stellen. Das geschah um 1900 deutlicher, als man es aus den Jahrhunderten davor kennt. Vielleicht, weil am Ausgang des „historistischen“ 19. Jahrhunderts mehr denn je ersichtlich war, dass es nicht nur den Stil der Väter gab. Waren doch so viele Stile der Vergangenheit erforscht und katalogisiert worden. Es kam zu lautstarken Austritten aus den Institutionen der Väter, wie dem Wiener Künstlerhaus, von dem sich 1897 die „Vereinigung bildender Künstler Österreichs“ abspaltete. Zu den Mitgliedern dieser bekanntesten Secession zählten Gustav Klimt (1862-1918), Kolo Moser (1868-1918), Josef Hoffmann (1870-1956) oder Joseph Maria Olbrich (1867-1908).

Zu mancher Entsetzen trat 1899 Otto Wagner, beinahe 60-jährig und seit 1894 ordentlicher Professor für Baukunst an der ehrwürdigen Wiener Kunstakademie, der Secession der „Jungen“ bei. Viele waren seine Schüler und Mitarbeiter: Olbrich, Architekt des 1898 errichteten neuen Ausstellungsgebäudes, ebenfalls Secession genannt, arbeitete an Wagners Stadtbahnbauten mit. Kolo Moser entwarf die Musenmedaillons an Wagners Haus Wienzeile 38 und Glasfenster für die Kirche am Steinhof. Hoffmann hatte u. a. bei Wagner studiert. Mit ihrem „Meister“ waren die Wagnerschüler fest in der Tradition verankert, was über dem Protest gegen die „historistischen“ Väter oft übersehen wurde. Selbst im Namen des Vereinsorgans der Secessionisten, Ver Sacrum (Heiliger Frühling), ist die Tradition präsent, verweist er doch auf einen antiken Brauch der Erneuerung.

Gustav Klimt (1862–1918), mit dem Heiligen Frühling um 1900 aufs engste verbunden, lernte in Ravenna und Venedig die Goldgründe und den ornamentalen Reichtum frühchristlicher und mittelalterlicher Mosaiken kennen. Seine „goldene Periode“ mit dem Hauptwerk „Der Kuss“ (1907/08) zeigt, wie er auf diese Vorbilder reagierte. Die freie Sinnlichkeit in vielen seiner Frauendarstellungen, Nacktheit, Schwangere und gewagte Posen illustrieren die Themen Tod und Eros, Kreislauf des Lebens, die in der Luft lagen und die in ihren „Medien“ auch Freud und Schnitzler behandelten.

Wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg reizten neue „Junge“ die Sehgewohnheiten: Egon Schiele (1890-1918) und Oskar Kokoschka (1886-1980), die bekanntesten Vertreter des österreichischen Expressionismus. Beide stellten 1908 bzw. 1909 unter Klimts Patronanz auf der Wiener Kunst-schau aus. Wenig früher, 1907, malte Picasso in Paris die „Demoiselles d’Avignon“, die als Initiationsbild des Kubismus gelten. Eine der wenigen modernen Bewegungen, auf deren Geburt „Wien um 1900“ keinen Anspruch erheben kann.

Abendröte und Habsburgnostalgie

Auf den Heiligen Frühling der Secession folgte kein Sommer, sondern der Erste Weltkrieg (1914-18). Darin ist aller ornamentaler Reichtum der Jahrhundertwende, ob nouveau oder klassisch, untergegangen, samt der Kultur, die ihn hervorbrachte. So konnte „Wien um 1900“ den Über-lebenden und den Nachgeborenen als glänzende Abendröte einer europäischen Hochkultur erscheinen. Joseph Roth (1894-1939) war kurz vor dem Ende der Habsburgermonarchie auch an einem der Ränder des Reiches zur Welt gekommen, in Galizien, heute Ukraine. Wie so viele der Genannten hatte Roth jüdische Vorfahren. Er schrieb, als die Zeit des entfesselten Antisemitismus anbrach, den „Radetzkymarsch“ (1932). Dieser Roman wurde und wird gerne als verklärend-nostalgische Darstellung der untergegangenen „k. u. k. Monarchie“ vereinnahmt, wenngleich er auch anders gelesen werden kann. Gerade Joseph Roth, exilierter Österreicher, katholischer Jude und sozialdemokratischer Monarchist, konnte gut zwischen Operette und Wirklichkeit unter-scheiden. Und erst recht musste er die Wirklichkeit der 1930er-Jahre als menschheits-geschichtlichen Rückschritt erleben, der selbst die gröbsten Unzulänglichkeiten der Monarchie in ein mildes Licht tauchte.

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Die Kaffeehäuser sind ur-leiwand, sagt meine Kommilitonin

Was an Wien besonders ist? Auf alle Fälle die Kaffeehäuser! Das – und weiteres durchaus Interessantes – meldet meine Schreibstudiums-Kollegin Astis aus Österreich (die den Blog  „Schreibweisen“ betreibt). Kaffeehäuser, meint Astis, „sind wirklich “ur-leiwand”, und jedenfalls einen Besuch wert“. Dass Kaffeehäuser typisch Wien sind und ich dazu schreiben werde, versteht sich (hab‘ sogar schon eine Dobos-Torte gebacken und fotografiert, um den bereits phantasierten Beitrag illustrieren zu können). Was aber soll „ur-leiwand“ sein? „Echt supa“, übersetzt die Kommilitonin freundlicherweise auf Anfrage.

Gut -„ziemlich gut“ also. Was aber steckt inhaltlich im Wort „leiwand“? Ich könnte warten, bis ich die Kollegin Ende Februar in Berlin persönlich fragen kann, vielleicht am Abend bei einem Bier. Da wir uns mit der Bloggerei jedoch im Modul „Schreiben am Computer“ befinden und dort lernen sollen, was es heisst, in Zeiten des Web 2.0 zu leben, recherchiere ich vorab am Bildschirm, anstatt auf die bevorstehende Face-to Face-Begegnungen zu setzen,. Ich tippe „leiwand“ in den Google-Sucher und siehe: es kommt einiges heraus.

Zunächst zeigt sich, dass meine Assoziation mit dem Bier gar nicht so schlecht war. So schreibt das Magazin Wien Stadtbekannt unter der Rubrik „Unnützes Wienwissen“:

Leiwand. Im 15. Jahrhundert wurde das Bürgerspital in Wien zu einem internationalen Zentrum des Textilhandels. Den feilschenden Kaufleuten wurde Bier ausgeschenkt, das wegen des Leinenhandels bald Leiwandbier hieß. Das Bier hatte rasch einen sehr guten Ruf und so wurde der Ausdruck leiwand bald sprichwörtlich für etwas, das großartig ist.

Ziemlich unverhofft konfrontiert meine weitere Recherche mich dann mit einer eigenen biografischen Erfahrung, die ich verdrängt hatte und die jetzt wieder aufbricht. So schwant mir bei der Lektüre des von Simone betriebenen Blogs WORTdealer dunkel, das ich den Begriff „leiwand“ schon kenne und ihn vielleicht sogar schon benutzt habe – reichlich ahnungslos freilich. Leiwand, erfahre ich bei WORTdealer, lässt sich nämlich „regulär steigern“. (Ein Komparativ, der meine Erinnerung an einen zwei Jahrzehnte zurückliegenden Skiurlaub im Stubaital weckt.)

Rodeln is leiwand. Snowboarden is leiwander. Schifoan is des leiwandste!

Erinnert uns WORTdealer. Na? Klingelt es bei jemandem? fragt die in Stuttgart lebende aber im Herzen Rheinländerin gebliebene Bloggerin Simone und erklärt: “Ja Schifoan is des leiwandste, wos ma si nur vuastan kann”, das haben wir alle schon mal gesungen, nur schätze ich, dass etwa 78% der Deutschen Mitgröhler – genau wie ich – dabei gar nicht so genau wussten, was sie da singen.

Wer noch mehr Details wünscht, dem sei das inzwischen wohl verwaiste Forum Wien: Ein(e) Deutsche(r) in … empfohlen, dort von Meinrad Guggenbichler auch der ganze Text des Liedes von Wolfgang Ambros zum Mitsingen…

Zuletzt bringt mich meine Recherche noch zur Einsicht, den Begriff „leiwand“ als Deutsche in Wien besser nicht benutzen wollen zu sollen. Denn, so Kabarettist Severin Groebner: die Piefkes (zur Kulturgeschichte dieses Begriffs Jochim Riedel in der ZEIT) seien dazu einfach nicht in der Lage: „Dem Deutschen ist einfach der unendliche Variantenreichtum der wienerischen Knatsch-, Knorrtsch-, Zisch – und Umlaute nicht beizubringen“, erklärt er und jammert: „Trotzdem beginnt der Deutsche, sobald er sich einem Wiener gegenüber wähnt, sofort „wienerisch“ zu sprechen, oder des, was er dafür hält“.

Den Rest und alles andere zum Thema leiwand, sagt Severin Groebner Ihnen auf seinem Youtube-Video unten selbst: Wiener Charme, es lohnt sich! (Mehr von ihm sonst z.B. in seiner Kolummne in der Wiener Zeitung.)