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Die Universität brachte zunächst fühlbare Enttäuschungen…

Eine Auswertung autobiografischer Quellen zum Studium in der Wiener Moderne

Wie studierte es sich zur Zeit der Jahrhundertwende in Wien? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Student F. Knotz im Zuge des Seminars Angewandte Forschung im Wintersemester 2013/14 an der Universität Wien. Seine Forschungsarbeit veröffentlichte der angehende Historiker auf dem Blog Vomnutzenundnachteildesstudiums.

Ein Fazit: Zweifel,  Motivationslosigkeit und  fehlendes Interesse  am  Studium  seien  keine  zeitgenössischen Phänomene.  Bereits  um  die  Jahrhundertwende  hätten sich die  Studenten an der Universität Wien mit  derartigen Problemen herumgequält.

Die Arbeit konzentriert sich auf die Erfahrungen von sechs später sehr erfolgreichen Persönlichkeiten während ihrer Phase als Studierende an der Universität Wien. Als Quellen wurden autobiographische Schriften herangezogen.

Im Hinblick auf ihre eigenen biografischen Angaben beleuchtet wurden in ihrer Rolle als Lernende zwei der frühesten Studentinnen der Universität Wien: Elise Richter und Lise Meitner.

Vorschaubild der Version vom 2. Oktober 2010, 10:49 Uhr

Links: Romanistin Elise Richter – die „erste Privatdozentin in Österreich“ genoss ab 1891 mit ihrer Schwester Helene das Gastrecht in einigen Universitätsvorlesungen. Erst 1897 konnte sie mit 31 Jahren die Matura ablegen und sich an der bis dahin Männern vorbehaltenen Universität Wien in der Philosophischen Fakultät immatrikulieren. Neben Indogermanistik und Germanistik belegte sie Romanistik und studierte bei Adolf Mussafia.File:Lise Meitner (1878-1968), lecturing at Catholic University, Washington, D.C., 1946.jpg

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Rechts: Kernphysikerin Lise Meitner – sie studierte ab Oktober 1901 Mathematik, Physik und Philosophie, und gilt als die zweite Frau, die in Wien im Hauptfach Physik promovierte, und als die vierte Frau, die an der Universität Wien überhaupt promoviert.

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Zudem wurden Protagonisten der ‚Wiener Moderne’ untersucht. Da fiel die Wahl auf Sigmund Freund, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig sowie Hans Kelsen.

Die Herren traten der Universität übrigens mit gemischten Gefühlen entgegen. So fokussiert die Arbeit den Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, mit dem Zitat:

„Die  Universität,  die  ich  1873 bezog,  brachte  mir  zunächst einige  fühlbare  Enttäuschungen. […] Aber eine für später wichtige  Folge  dieser  ersten Eindrücke  von  der  Universität war,  daß ich  so  frühzeitig  mit dem  Lose  vertraut  wurde,  in der  Opposition  zu  stehen  und von der ‚kompakten Majorität’ in Bann getan zu werden.“ (Sigmund Freud  studierte  von  1873  bis 1881  Medizin).

Und Hans Kelsen, der heute als Architekt  der  österreichischen  Bundesverfassung von 1920 gilt, klagte:

„Die  ersten  Vorlesungen,  die  ich an  der  Rechts‐ und  Staatswissenschaftlichen Fakultät  der  Wiener Universität besuchte, brachten mir bittere  Enttäuschung.  […]  Schon nach  kurzer  Zeit  gab  ich  den Besuch  der  meisten  Vorlesungen auf und wandte mich der Lektuere philosophischer Werke zu.“ (Hans  Kelsen studierte  von  1901  bis  1906 Rechtswissenschaften).

„Sollten also im Zuge des Studiums Sinnkrisen und Phasen des Desinteresses bzw. der Motivationslosigkeit auftreten: Nicht verzweifeln, auch andere hatten diese Probleme…“. Mit diesen Worten tröstete der Student der Angewandten Forschung seine Kommilitoninnen und Kommilitonen in einer filmisch dokumentierten Flugzettelaktion.

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Ausgewählte Wiener Foodblogs laden zum Backen und Kochen

Schon wieder ist es meine österreichische Kommilitonin Astis, die mich auf ein Thema für einen Blog-Beitrag bringt. Auf ihrer Seite hat sie zu einer Blogparade aufgerufen und will wissen, was wir an anderen Blogs gut finden.

Da ich zu Wien recherchiere, versteht es sich, dass ein gutes Blog für mich eines ist, das mit Wien zu tun hat. Zugegeben führen mich die weiteren Recherchen recht bauchgesteuert zu einer zusätzlichen Unterkategorie, an der ich spontan „hängen bleibe“: das Blog soll mit Wien und Essen zu tun haben. (Zweifellos bringen mich die guten kulinarischen Erfahrungen vergangener Sommerurlaube im Salzburger Land auf diese Assoziation, meine Familie liebt österreichische Mehlspeisen wie Kaiserschmarrn, Dampfnudeln und Strudel, am liebsten auf einer Alm nach einer Wanderung durch die Berge).

Was ich neben dem inhaltlichen Thema spannend an Blogs finde, möchte ich anhand konkreter Beispiele zeigen, die mich bei meiner Suche angesprochen haben (hilfreich dabei die Liste der österreichischen Food-Blogger). Generell stelle ich fest, dass ich an solchen Blogs am ehesten hängen bleibe, bei denen schon die Aufmachung und die Fotos zeigen, dass jemand einen eigenen Zugang zu seinem Thema hat. Ich verweile dort, wo ich die Begeisterung des Bloggers für „sein“ Thema spüre, mein Auge auf eine kreative und gleichsam  übersichtliche Gestaltung trifft und wenn der Inhalt einen „handgemachten“ Eindruck hinterlässt und authentische Bezüge zum Bloggenden aufweist. Wichtig finde ich, dass ich etwas über die Autorin oder den Autor und seine Motivation zum Bloggen erfahre.

Einige lesenswerte Blogs zum Thema Essen aus Wien (weitere hier):

Ziii kocht… was

Für Susanne Zimmel verbinden sich beimBloggen selbstverständlich alle Leidenschaften, die ihr  Leben prägen. Ihr (übrigens mehrfach ausgezeichneter) Blog ist für sie eine wunderbare Möglichkeit, andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Die Wienerin möchte ihre Leser unterhalten und ihnen Freude am Kochen vermitteln. Daher versucht sie, ihren Foodblog nicht nur auf Rezepte und Kochanleitungen zu reduzieren. Schöne Fotos sind ein wesentlicher Bestandteil, für den sie sehr viel Zeit aufwendet, und um die Rezepte ranken sich immer Geschichten… (Mehr im Magazin Nido, da wird Frau Zii im Interview Blog der Woche portraitiert.)

Blaukraut nach Ziii.

 

 

Mein Blaukraut nach Ziii: die fruchtige Variante mit Orangen und Äpfeln (und ohne Karotten) habe ich – angeregt durch Frau Ziiis‘ asiatische Rezept – mit frischem  Koriander abgerundet. Zu Frau Ziiis‘ Originalrezept führt ein Foto-Klick.

Die Erdbeere

Hier stellt Anina Rezepte aus dem Familienschatz vor. Sie sind ein Konglomerat aus den Rezepten ihrer Mutter, ihrer Tante, alten und neueren Büchern und Zettelchen und Notizen. Für die studierte Modedesignerin ist die Küche ein kreativer und fröhlicher Ort. Ihre Küche in Wien ist gelb gestrichen und voll von Gläsern mit Mandeln, kandierten Früchten, Zuckersorten, von Phiolen mit Vanilleschoten und Gewürzen, von Döschen, Blechschachteln, Backformen, Kochbüchern und …

Orangenmond

Bloggerin Janneke arbeitet im Bereich Social Media und hat ihre erste Homepage im Alter von 12 Jahren auf einem Sommercamp “programmiert”. Seither hat sie das Internet nicht mehr losgelassen und startete 2009 ihr Experiment – Orangenmond. Hier sammelt sie Rezepte, teilt Fundstücke aus dem Netz und lässt ihrer Kreativität beim Umsetzen von Backideen freien Lauf. Ihr Ziel: Neues ausprobieren und zeigen, wie viel Spaß Backen machen kann!

Goldschwarz

Blogger Jürgen Liechtenecker verdient sein täglich Brot mit digitalem Marketing. Das Kochen hat er vor 25 Jahren begonnen, „weit vor den ganzen Jamie Oliver inspirierten Phasen, Kochsendungen und Foodblogs“. Der gebürtige Wiener versteht sich als Soul-Koch: er liebt  Gewürze und frische Kräuter und kocht asiatische Gerichte mit eigens zusammengestellten Gewürzmischungen. „Ach ja und unser Backrohr läuft fast rund um die Uhr, der Duft von feinen Mehlspeisen lockt so manchen Nachbar an.“

Die Kuechenchefin

Ursprünglich aus Vorarlberg kommt Bloggerin Katharina Schedler, weshalb sich das ein oder andere traditionelle Gericht aus ihrer Heimat in der Sammlung befindet. Die in Wien lebende Studentin präsentiert auf ihrem Blog hauptsächlich Gerichte, die schnell gekocht sind und keine genauen Maßangaben benötigen. Besonders gefallen hat mir auf der Seite das Rezept zu Zwetschgenmarmelade.

Zurück zum Wien um die Jahrhundertwende

Zum Schluss zum nationalen Heiligtum der Wiener Küche, dem Wiener Schnitzel, für das sich bemerkenswerter Weise in keinem der aufgeführten Blogs ein Rezept findet. Dafür thematisiert  das Wiener Restaurant „Zum Kellergewölk“  die Geschichte des Wiener Schnitzels und führt uns so zurück zur Zeit um die Jahrhundertwende. Der weltberühmte Name „Wiener Schnitzel“ soll nämlich erst 1908 geläufig geworden sein. Davor sei immer nur von „eingebröselten Kalbsschnitzen“ die Rede gewesen. Wem jetzt das Wasser im Munde zusammenläuft, dem sei der Link zum Gasthaus Plachutta (ein Tipp meiner Kommilitonin Astis) empfohlen, das sein original Wiener Schnitzel Rezept verrät.

Die Kaffeehäuser sind ur-leiwand, sagt meine Kommilitonin

Was an Wien besonders ist? Auf alle Fälle die Kaffeehäuser! Das – und weiteres durchaus Interessantes – meldet meine Schreibstudiums-Kollegin Astis aus Österreich (die den Blog  „Schreibweisen“ betreibt). Kaffeehäuser, meint Astis, „sind wirklich “ur-leiwand”, und jedenfalls einen Besuch wert“. Dass Kaffeehäuser typisch Wien sind und ich dazu schreiben werde, versteht sich (hab‘ sogar schon eine Dobos-Torte gebacken und fotografiert, um den bereits phantasierten Beitrag illustrieren zu können). Was aber soll „ur-leiwand“ sein? „Echt supa“, übersetzt die Kommilitonin freundlicherweise auf Anfrage.

Gut -„ziemlich gut“ also. Was aber steckt inhaltlich im Wort „leiwand“? Ich könnte warten, bis ich die Kollegin Ende Februar in Berlin persönlich fragen kann, vielleicht am Abend bei einem Bier. Da wir uns mit der Bloggerei jedoch im Modul „Schreiben am Computer“ befinden und dort lernen sollen, was es heisst, in Zeiten des Web 2.0 zu leben, recherchiere ich vorab am Bildschirm, anstatt auf die bevorstehende Face-to Face-Begegnungen zu setzen,. Ich tippe „leiwand“ in den Google-Sucher und siehe: es kommt einiges heraus.

Zunächst zeigt sich, dass meine Assoziation mit dem Bier gar nicht so schlecht war. So schreibt das Magazin Wien Stadtbekannt unter der Rubrik „Unnützes Wienwissen“:

Leiwand. Im 15. Jahrhundert wurde das Bürgerspital in Wien zu einem internationalen Zentrum des Textilhandels. Den feilschenden Kaufleuten wurde Bier ausgeschenkt, das wegen des Leinenhandels bald Leiwandbier hieß. Das Bier hatte rasch einen sehr guten Ruf und so wurde der Ausdruck leiwand bald sprichwörtlich für etwas, das großartig ist.

Ziemlich unverhofft konfrontiert meine weitere Recherche mich dann mit einer eigenen biografischen Erfahrung, die ich verdrängt hatte und die jetzt wieder aufbricht. So schwant mir bei der Lektüre des von Simone betriebenen Blogs WORTdealer dunkel, das ich den Begriff „leiwand“ schon kenne und ihn vielleicht sogar schon benutzt habe – reichlich ahnungslos freilich. Leiwand, erfahre ich bei WORTdealer, lässt sich nämlich „regulär steigern“. (Ein Komparativ, der meine Erinnerung an einen zwei Jahrzehnte zurückliegenden Skiurlaub im Stubaital weckt.)

Rodeln is leiwand. Snowboarden is leiwander. Schifoan is des leiwandste!

Erinnert uns WORTdealer. Na? Klingelt es bei jemandem? fragt die in Stuttgart lebende aber im Herzen Rheinländerin gebliebene Bloggerin Simone und erklärt: “Ja Schifoan is des leiwandste, wos ma si nur vuastan kann”, das haben wir alle schon mal gesungen, nur schätze ich, dass etwa 78% der Deutschen Mitgröhler – genau wie ich – dabei gar nicht so genau wussten, was sie da singen.

Wer noch mehr Details wünscht, dem sei das inzwischen wohl verwaiste Forum Wien: Ein(e) Deutsche(r) in … empfohlen, dort von Meinrad Guggenbichler auch der ganze Text des Liedes von Wolfgang Ambros zum Mitsingen…

Zuletzt bringt mich meine Recherche noch zur Einsicht, den Begriff „leiwand“ als Deutsche in Wien besser nicht benutzen wollen zu sollen. Denn, so Kabarettist Severin Groebner: die Piefkes (zur Kulturgeschichte dieses Begriffs Jochim Riedel in der ZEIT) seien dazu einfach nicht in der Lage: „Dem Deutschen ist einfach der unendliche Variantenreichtum der wienerischen Knatsch-, Knorrtsch-, Zisch – und Umlaute nicht beizubringen“, erklärt er und jammert: „Trotzdem beginnt der Deutsche, sobald er sich einem Wiener gegenüber wähnt, sofort „wienerisch“ zu sprechen, oder des, was er dafür hält“.

Den Rest und alles andere zum Thema leiwand, sagt Severin Groebner Ihnen auf seinem Youtube-Video unten selbst: Wiener Charme, es lohnt sich! (Mehr von ihm sonst z.B. in seiner Kolummne in der Wiener Zeitung.)

Fleisch, Freud und Familienforschung – eine Fortsetzung

Freud’s Butcher“Fleisch, Freud und Familienforschung” –  die Alliteration auf unserem Blog gefiel der amerikanischen Bloggerin Edie Jarolim. Auf freudsbutchers.com bezieht sie sich ausführlich auf unseren Artikel. Ebenso erläutert die studierte Literaturwissenschaftlerin in ihrem aktuellen Blogbeitrag die Idee, Johnny Depp die Hauptrolle in einem Film mit dem Titel „The Mad Butcher of Berggasse“ spielen zu lassen. Und sie stellt einen empirischen qualitativen Vergleich zur Frage der Brauchbarkeit der Übersetzungsmaschinen von Google und Bing an.

Die Grossnichte des Nachbarn und Metzgers von Sigmund Freud würde die gründlich  recherchierten Inhalte ihres lesenswerten Blogs am liebsten in ein Buch fassen. Dafür aber wären weitere Recherchen notwendig und Edie Jarolim müsste für eine Weile nach Wien reisen, um vor Ort noch mehr Quellen zu den Wurzeln der Familie Kornmehl aufzuspüren und zu analysieren. Kein leichtes Erbe. Denn der Inhalt ist – trotz des Staunens über die nachbarschaftlichen Beziehungen zum weltberühmten Begründer der Psychoanalyse – ein Kapitel mit vielen traurigen und belastenden Seiten: Zahlreiche Mitglieder der Familie Kornmehl wurden im Nationalsozialismus in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet.

Das Verschwinden dieser Personen hinterliess eine Lücke – im realen Leben wie in der Familiengeschichte. Für die Überlebenden ist die Auseinandersetzung mit dem Familienschicksal immer wieder schwierig gewesen, berichtet Bloggerin Jarolim. Die Erlebnisse im Holocaust waren zu schrecklich, als dass sie – auch von ihren Eltern – hätten in Worte gefasst werden können, so ist Vieles lange Zeit einfach verschwiegen geblieben. Was die Identität der Familie Kornmehl ausmacht, kam wohl erst wieder neu und lebendig ins Bewusstsein, als Jill Kornmehl in mühevoller Kleinarbeit die Verzweigungen des Stammbaumes nachvollzog und Edie Jarolim ihren Blog freudsbutcher.com startete.

Der Blog zur Familie Kornmehl hat Chancen, sich noch weiter zu entwickeln. Edie Jarolim Buchprojekt scheiterte bislang am finanziellen Spielraum. Nachdem sich ihre Hoffnung auf ein Stipendium bei einem möglichen Geldgeber kürzlich zerschlagen hat, überlegt sie  neue – auch digitale – Wege zu einer Finanzierung. Sollte kein anderer Stipendiengeber einspringen oder sich eine andersweitige Förderungsmöglichkeit ergeben, kommt für die hauptberuflich als  Autorin und Lektorin tätige Amerikanerin auch eine Verwirklichung über das  Instrument des „Crowdsourcings“ in Frage.

Wir wünschen Edie Jarolim für die Weiterführung ihres Projekts zum Autobiografischen Schreiben, zur Erforschung der Geschichte der Wiener Familie Kornmehl und zur Erschliessung neuer Quellen zu Sigmund Freud auf alle Fälle viel Erfolg. Wie es ihr mit der Verwirklichung ihres Buchprojektes geht, werden wir sicherlich auf auf ihrem Blog verfolgen können. Und wer weiss: Vielleicht entsteht daraus am Ende tatsächlich sogar noch ein Kinofilm mit mit dem Titel “The Mad Butcher of Berggasse” und Johnny Depp in der Hauptrolle? (Zur Biografie des Schauspielers der Blog des Niederösterreichers Bernhard Gusenbauer)

Crowdsourcing – was ist das?

Eine erste sozialwissenschaftliche Annäherung an das vergleichsweise  junge Phänomen des Crowdsourcing erarbeitete Christian Papsdorf (vgl. Wikipedia) mit folgender Definition:

„Crowdsourcing ist die Strategie des Auslagerns einer üblicherweise von Erwerbstätigen entgeltlich erbrachten Leistung durch eine Organisation oder Privatperson mittels eines offenen Aufrufes an eine Masse von unbekannten Akteuren, bei dem der Crowdsourcer und/oder die Crowdsourcees frei verwertbare und direkte wirtschaftliche Vorteile erlangen.“ Ch. Papsdorf: Wie Surfen zu Arbeit wird. Crowdsourcing im Web 2.0, 2009, S. 69.

Weitere Beiträge zum Thema finden sich auf der Site von Stefan Peschel. Der Blogger veröffentlicht unter www.kultur2punkt0.de zahlreiche Beiträge zu dieser unkonventionellen Art der Kulturförderung. Unter anderem berichtet er, wie damit damit der Kurzfilm Das Mädchen mit der Violine in Dresden verwirklicht werden konnte.

Zu den Wurzeln der Familie auf freudsbutcher.com

Fleisch, Freud und Familienforschung – auf dieser Grundlage betreibt die Amerikanerin Edie Jarolim seit eineinhalb Jahren das lesenswerte Blog freudsbutcher.com. Ihr Grossonkel mütterlicherseits, Siegmund Kornmehl, besass um die Jahrhundertwende eine Metzgerei in der Wiener Berggasse 19. Eine weltbekannte Adresse, denn im selben Haus wohnte und praktizierte Sigmund Freud. Wo einst ihr Grossonkel und der Namensvetter Freuds frisch Geschlachtetes über die Ladentheke reichte, befinden sich heute Teile des Freud-Museums.

Das Blog bietet ein schönes Beispiel für eine kreative Form des autobiografischen Erzählens. Es wird gezeigt, wie man ein „weit ausholendes Familiengemälde mit allen nur denkbaren Verzweigungen“ entwickeln kann (siehe Ortheil, Hanns-Josef. Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens. Berlin 2013, erschienen bei Duden, S. 242, besprochen in diesem und diesem Blog).

Edie Jarolim portraitiert die verschiedenen Generationen ihrer Familie anhand von biografischen Daten, kurzen Lebens-Episoden und Fotos. Sie findet dabei den Weg zurück bis ins 19. Jahrhundert zu den polnischen Wurzeln ihrer Familie. Viele ihrer Vorfahren wurden später in der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet, darunter eben auch jener Wiener Grossonkel Siegmund Kornmehl sowie ihre Grosseltern. Eine belastende Vergangenheit, die zu erinnern  sehr schmerzhaft sein muss.

Die Spurensuche in Wien lässt auch – aber nicht nur nicht nur – das Schreckliche aus dem lange Zeit vergessenen und verdrängten Material der Vorfahren zutage treten. Vielmehr heben die Recherchen neue Facetten der Familiengeschichte ans Licht und so  ins Bewusstsein. Dazu gehört beispielsweise auch die Frage, ob wohl der eigene Grossonkel das Fleisch für Siegmund Freuds geliebten Rinderbraten pariert haben mag…

Von ihren eigenen Wurzeln ausgehend knüpft Edie Jarolim geschickt weitere Fäden zu  historischen und kulturellen Fragen von allgemeinerem Interesse. Themenleitend sind für sie dabei stets drei Kategorien von Fragen, denen das Material unterworfen wird:

1. Wie kann ich mehr über meine Vorfahren herausfinden (Stammbaum, Familienforschung)

2. Wie sah die Beziehung der Nachbarsfamilie zu Freud aus (Psychologie)

3. Wie war es, als koscherer Metzger um die Jahrhundertwende in Wien zu leben (Fleisch)

Die so entstehenden Beiträge sind authentisch und lassen die vitale Neugierde der Bloggerin an „ihrer Sache“ spontan auf den Leser überspringen. So ergibt sich sowohl zur Geschichte Wiens als auch zur Freud-Forschung neues Material.

Den Psychiater Sigmund Freud analysiert Edie Jarolim passend aus einem sehr privaten Blickwinkel heraus – als Brillenträger, Hundeliebhaber und als möglicher Liebhaber seiner Schwägerin  (NZZ zur Minna-Frage), gleichzeitig hält sie sich durch die Verwendung zahlreicher Literatur- und Quellenangaben an die Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens. Unter den Kommentatoren ihres Blogs entwickeln sich auf dieser Grundlage lebendige Diskussionen.

Noch mehr davon? Ein weiteres Blog der hauptberuflich als Schriftstellerin und Lektorin tätigen Amerikanerin heisst willmydoghateme.com