Zu den Wurzeln der Familie auf freudsbutcher.com

Fleisch, Freud und Familienforschung – auf dieser Grundlage betreibt die Amerikanerin Edie Jarolim seit eineinhalb Jahren das lesenswerte Blog freudsbutcher.com. Ihr Grossonkel mütterlicherseits, Siegmund Kornmehl, besass um die Jahrhundertwende eine Metzgerei in der Wiener Berggasse 19. Eine weltbekannte Adresse, denn im selben Haus wohnte und praktizierte Sigmund Freud. Wo einst ihr Grossonkel und der Namensvetter Freuds frisch Geschlachtetes über die Ladentheke reichte, befinden sich heute Teile des Freud-Museums.

Das Blog bietet ein schönes Beispiel für eine kreative Form des autobiografischen Erzählens. Es wird gezeigt, wie man ein „weit ausholendes Familiengemälde mit allen nur denkbaren Verzweigungen“ entwickeln kann (siehe Ortheil, Hanns-Josef. Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens. Berlin 2013, erschienen bei Duden, S. 242, besprochen in diesem und diesem Blog).

Edie Jarolim portraitiert die verschiedenen Generationen ihrer Familie anhand von biografischen Daten, kurzen Lebens-Episoden und Fotos. Sie findet dabei den Weg zurück bis ins 19. Jahrhundert zu den polnischen Wurzeln ihrer Familie. Viele ihrer Vorfahren wurden später in der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet, darunter eben auch jener Wiener Grossonkel Siegmund Kornmehl sowie ihre Grosseltern. Eine belastende Vergangenheit, die zu erinnern  sehr schmerzhaft sein muss.

Die Spurensuche in Wien lässt auch – aber nicht nur nicht nur – das Schreckliche aus dem lange Zeit vergessenen und verdrängten Material der Vorfahren zutage treten. Vielmehr heben die Recherchen neue Facetten der Familiengeschichte ans Licht und so  ins Bewusstsein. Dazu gehört beispielsweise auch die Frage, ob wohl der eigene Grossonkel das Fleisch für Siegmund Freuds geliebten Rinderbraten pariert haben mag…

Von ihren eigenen Wurzeln ausgehend knüpft Edie Jarolim geschickt weitere Fäden zu  historischen und kulturellen Fragen von allgemeinerem Interesse. Themenleitend sind für sie dabei stets drei Kategorien von Fragen, denen das Material unterworfen wird:

1. Wie kann ich mehr über meine Vorfahren herausfinden (Stammbaum, Familienforschung)

2. Wie sah die Beziehung der Nachbarsfamilie zu Freud aus (Psychologie)

3. Wie war es, als koscherer Metzger um die Jahrhundertwende in Wien zu leben (Fleisch)

Die so entstehenden Beiträge sind authentisch und lassen die vitale Neugierde der Bloggerin an „ihrer Sache“ spontan auf den Leser überspringen. So ergibt sich sowohl zur Geschichte Wiens als auch zur Freud-Forschung neues Material.

Den Psychiater Sigmund Freud analysiert Edie Jarolim passend aus einem sehr privaten Blickwinkel heraus – als Brillenträger, Hundeliebhaber und als möglicher Liebhaber seiner Schwägerin  (NZZ zur Minna-Frage), gleichzeitig hält sie sich durch die Verwendung zahlreicher Literatur- und Quellenangaben an die Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens. Unter den Kommentatoren ihres Blogs entwickeln sich auf dieser Grundlage lebendige Diskussionen.

Noch mehr davon? Ein weiteres Blog der hauptberuflich als Schriftstellerin und Lektorin tätigen Amerikanerin heisst willmydoghateme.com

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5 Kommentare

  1. What a nice surprise for the New Year — the discovery that you have written the first post on your new blog about Freud’s Butcher! Thank you very much. I wish my German was a bit better; I get the general idea of what you wrote, but not much more. Perhaps you could translate for me?

    1. Dear Edie, I just started studies in creative writing at the Alice Salomon University in Berlin. We were asked to start writing a blog. By researching informations about Vienna and Freud in the beginning of the 19th century, I was lucky to find your blog. In my opinion your writing seems to be a very good example for exploring one’s own biography. I liked very much how you linked your personal family history, the history of Vienna and other questions like food, psychoanalysis and Jewish live. I have already known, that Siegmund Freud liked “Rinderbraten” very much. It’s funny to know, that your granduncle may have processed the meat he ate.

  2. As another relative of the Kornmehl Family with an interest in genealogy, I was delighted to see Edie Jarolim’s wonderful blog mentioned. Freud’s Butcher has been the impetus for further research into our family-which revealed that many family members were in the butcher business. This raises the possibility that they met and served the needs of the Freud family. We even discovered that another relative lived across the street from Freud! All of the research and Freud’s Butcher blog articles highlight the multiple connections between Freud and our family as well as life in Vienna before the war.

  3. Liebe Dorothea,
    ein interessanter Beitrag, aber das weißt du ja bereits… Also wenn ich es richtig verstanden habe, geht es in deinem Beitrag um Wien, um Freud und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Mich hat eine Zeit lang die Frage nach meinen Wurzeln sehr beschäftigt. Ich habe es leider verpasst, die damals noch lebende ältere Generation nach meinen Wurzeln zu Fragen. Nun habe ich nur noch eine Großtante und sie erzählt die Geschichten aus ihrer Perspektive und ich entdecke einige Unstimmigkeiten. Wir als Familie haben nie einen Stambaum angelegt. Aber wenn ich mal die Gelegenheit haben sollte, würde ich gerne in den Archiven nach meinem Stamm suchen. Wünsche dir viel Spaß mit deinem Blog. Herzliche Grüße Nese

    1. Danke für Deinen Besuch! Mich interessiert hier besonders das historische Wien kurz vor der Jahrhundertwende; dazu möchte ich auf meinem Blog Material sammeln und sehen, wie sich das Medium dafür eignet. Autobiografisches Schreiben wird wohl kein durchgängiges Thema werden, zumal mir eigene Wurzeln nach Wien fehlen. Den Blog zur Wiener Familie Kornmehl habe ich zufällig entdeckt; es hat mich beeindruckt, wie die Autorin immer wieder zu den Grundfragen der Familiengeschichte – auch in der Gegenwart – zurückkommt. Mich selbst hat die Vorstellung, einen längeren autobiografischen Text zu schreiben, bisher immer ein wenig abgeschreckt; schon weil ich – wie Du – nicht auf eine konsistente Familienchronik zugreifen kann. Nun finde ich es spannend, dass z.B. Ortheil besonders auch das Sammeln von „erzählenden Erinnerungssplittern“ und den spielerischen und experimentellen Umgang mit kleineren „Ego-Dokumenten“ betont.

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