Die Universität brachte zunächst fühlbare Enttäuschungen…

Eine Auswertung autobiografischer Quellen zum Studium in der Wiener Moderne

Wie studierte es sich zur Zeit der Jahrhundertwende in Wien? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Student F. Knotz im Zuge des Seminars Angewandte Forschung im Wintersemester 2013/14 an der Universität Wien. Seine Forschungsarbeit veröffentlichte der angehende Historiker auf dem Blog Vomnutzenundnachteildesstudiums.

Ein Fazit: Zweifel,  Motivationslosigkeit und  fehlendes Interesse  am  Studium  seien  keine  zeitgenössischen Phänomene.  Bereits  um  die  Jahrhundertwende  hätten sich die  Studenten an der Universität Wien mit  derartigen Problemen herumgequält.

Die Arbeit konzentriert sich auf die Erfahrungen von sechs später sehr erfolgreichen Persönlichkeiten während ihrer Phase als Studierende an der Universität Wien. Als Quellen wurden autobiographische Schriften herangezogen.

Im Hinblick auf ihre eigenen biografischen Angaben beleuchtet wurden in ihrer Rolle als Lernende zwei der frühesten Studentinnen der Universität Wien: Elise Richter und Lise Meitner.

Vorschaubild der Version vom 2. Oktober 2010, 10:49 Uhr

Links: Romanistin Elise Richter – die „erste Privatdozentin in Österreich“ genoss ab 1891 mit ihrer Schwester Helene das Gastrecht in einigen Universitätsvorlesungen. Erst 1897 konnte sie mit 31 Jahren die Matura ablegen und sich an der bis dahin Männern vorbehaltenen Universität Wien in der Philosophischen Fakultät immatrikulieren. Neben Indogermanistik und Germanistik belegte sie Romanistik und studierte bei Adolf Mussafia.File:Lise Meitner (1878-1968), lecturing at Catholic University, Washington, D.C., 1946.jpg

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Rechts: Kernphysikerin Lise Meitner – sie studierte ab Oktober 1901 Mathematik, Physik und Philosophie, und gilt als die zweite Frau, die in Wien im Hauptfach Physik promovierte, und als die vierte Frau, die an der Universität Wien überhaupt promoviert.

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Zudem wurden Protagonisten der ‚Wiener Moderne’ untersucht. Da fiel die Wahl auf Sigmund Freund, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig sowie Hans Kelsen.

Die Herren traten der Universität übrigens mit gemischten Gefühlen entgegen. So fokussiert die Arbeit den Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, mit dem Zitat:

„Die  Universität,  die  ich  1873 bezog,  brachte  mir  zunächst einige  fühlbare  Enttäuschungen. […] Aber eine für später wichtige  Folge  dieser  ersten Eindrücke  von  der  Universität war,  daß ich  so  frühzeitig  mit dem  Lose  vertraut  wurde,  in der  Opposition  zu  stehen  und von der ‚kompakten Majorität’ in Bann getan zu werden.“ (Sigmund Freud  studierte  von  1873  bis 1881  Medizin).

Und Hans Kelsen, der heute als Architekt  der  österreichischen  Bundesverfassung von 1920 gilt, klagte:

„Die  ersten  Vorlesungen,  die  ich an  der  Rechts‐ und  Staatswissenschaftlichen Fakultät  der  Wiener Universität besuchte, brachten mir bittere  Enttäuschung.  […]  Schon nach  kurzer  Zeit  gab  ich  den Besuch  der  meisten  Vorlesungen auf und wandte mich der Lektuere philosophischer Werke zu.“ (Hans  Kelsen studierte  von  1901  bis  1906 Rechtswissenschaften).

„Sollten also im Zuge des Studiums Sinnkrisen und Phasen des Desinteresses bzw. der Motivationslosigkeit auftreten: Nicht verzweifeln, auch andere hatten diese Probleme…“. Mit diesen Worten tröstete der Student der Angewandten Forschung seine Kommilitoninnen und Kommilitonen in einer filmisch dokumentierten Flugzettelaktion.

Glänzendes Gewebe aus Gegensätzen

Ein Überblick über die wichtigen Themen zu Wien um die Jahrhundertwende. Der Text wurde uns freundlich von Wien Tourismus zur Veröffentlichung überlassen.

Von Christa Veigl

Wien um 1900, das ist ein glänzendes Gewebe aus Gegensätzen wie „Traum und Wirklichkeit“ oder „Tod und Eros“ – und aus großen Namen der europäischen Kulturgeschichte. Am Beginn eines neuen Jahrhunderts konzentrierten sich in dieser Stadt Höchstleistungen der Literatur, Malerei, Architektur und Musik in einer Dichte, die ihresgleichen sucht.

Stadtwachstum und Stadtumbau

Dass Wien um 1900 zum kulturellen Zentrum Mitteleuropas werden konnte, setzte zunächst das rasante Wachstum zur Großstadt voraus, in Konkurrenz mit den europäischen Metropolen London, Paris und Berlin. Durch Zuwanderung und zwei Stadterweiterungen vergrößerte sich die Stadt im 19. Jahrhundert um ein Vielfaches. Zwischen 1870 und 1910 stieg die Einwohnerzahl von rund 900.000 auf mehr als das Doppelte (über 2 Millionen) an. Die erste Stadterweiterung um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte den Prachtboulevard Ringstraße und die an ihn grenzenden monumentalen Häuserblöcke hervorgebracht. Rund 1,6 km² füllten sich zwischen 1860 und 1890 mit Kulturstätten (Oper, Burgtheater, Museen), Wohnpalästen (Miets- bzw. Zinshäusern) und Monumentalbauten für Politik, Kommerz und Bildung (Rathaus, Parlament, Börse, Universität, Kunstgewerbeschule). 2015 steht in Wien ganz im Zeichen der 150. Wiederkehr der Eröffnung der Wiener Ringstraße, die am 1. Mai 1865 durch Kaiser Franz Joseph vorgenommen wurde (www.ringstrasse2015.info).

Gleichzeitig wurden alte Häuser umgebaut, aufgestockt oder ganz durch neue ersetzt. Damit erarbeitete sich die Wiener Architektur einen internationalen Ruf, die Bauindustrie prosperierte so, dass der Börsenkrach von 1873 sie nur vorübergehend lähmen konnte. Die Generation der Ringstraßenarchitekten hatte die großen öffentlichen Bauaufgaben bewältigt, für die Nachfolger blieben hauptsächlich private Aufträge. Immerhin war ein wichtiges öffentliches Infrastrukturprojekt, die für eine Großstadt unerlässliche Stadtbahn, so lange aufgeschoben worden, dass Otto Wagner es ab 1894 gestalten konnte: 45 km Bahnstrecke mit mehr als 30 Stationen.

Konfliktreiches Nebeneinander

Wien war die Hauptstadt eines weit über 50 Millionen Einwohner und an die 15 Nationen um-fassenden Reiches, der österreichisch-ungarischen Monarchie. Ihren Bestand sicherten vor allem der Langzeitregent Kaiser Franz Joseph I. (geb. 1830, reg. 1848-1916), die den Zusammenhang repräsentierende Symbolfigur, und der effiziente Verwaltungsapparat.

Aus allen Teilen des multinationalen Kaiserreiches strömten Zuwanderer in die Hauptstadt, verschiedenste ethnische und religiöse Gruppen trafen hier aufeinander. Ebenso verschieden und konfliktreich waren die sozialen Verhältnisse, speziell die Zuwanderer litten unter den ausbeuterischen Arbeitsbedingungen des Liberalismus. Damit schlug aber auch die Stunde für die Organisation der Arbeiter, Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie formierten sich.

Das Schlagwort „Völkerkerker“ illustriert die Nationalitätenproblematik aus der Sicht der slawischen Einwohner – und das waren beinahe 50 Prozent der Bevölkerung: Während die Ungarn seit dem „Ausgleich“ von 1867 zweite Staatsnation waren, besaßen die Slawen (Tschechen, Polen, Serben, Kroaten, Ukrainer usw.) keinen vergleichbaren Status. Was in dieser spannungsreichen Epoche und in der gegenseitigen Befruchtung der Nationalitäten aber entstand und bis heute Bestand hat, ist sehr viel mehr als die Wiener Küche mit ihrer ungarischen Würze und ihrer böhmischen Reichhaltigkeit.

Baukunst: Otto Wagner, Josef Hoffmann, Adolf Loos

Otto Wagner (1841-1918) war Wiener, aber beinahe die Hälfte der Absolventen seiner Spezial-schule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste, der „Wagner-Schule“, stammte aus den östlichen und südlichen Provinzen des Reiches. Beispielsweise Josef Hoffmann (1870-1956) aus Mähren oder Josef Plečnik (1872-1957) und Max Fabiani (1865-1962) aus Slowenien. Aus dem gemischtsprachigen Reichsteil Mähren (heute Tschechien) kamen auch Joseph Maria Olbrich (1867-1908) oder Adolf Loos (1870-1933).

Allein mit diesen Namen ist der wesentliche Teil des Baugeschehens um 1900 abgedeckt: die Stationen, Geländer und Brücken der Wiener Stadtbahn, Majolikahaus und Musenhaus an der Wienzeile, die erste moderne Kirche Europas, nämlich St. Leopold am Steinhof, und die Post-sparkasse, allesamt von Otto Wagner zwischen 1894 und 1910 entworfen. Die Villen von Josef Hoffmann, der 1903 gemeinsam mit Kolo Moser die Wiener Werkstätte gründete. Eine der Hoffmann-Villen auf der Hohen Warte ist das Doppelhaus für die Künstlerkollegen Kolo Moser und Carl Moll. Zwei Häuser weiter, in der Villa Ast, führte in den 1930er-Jahren Alma Mahler-Werfel, femme fatale des 20. Jahrhunderts und Titelheldin in Paulus Mankers Theater- und Partyspektakel „Alma“, ihren prominenten Salon. Das Ausstellungsgebäude der protestierenden Jungen, die „Secession“, baute Olbrich, der Wagners Mitarbeiter war. Die Wagner-Schüler Plečnik und Fabiani zeichnen für Zacherl-Haus und Heilig-Geist-Kirche bzw. Artaria-Haus und Urania verantwortlich.

Adolf Loos, der Streitbare, verpflichtete den Architekten auf das klassische Ornament. Das Erfinden neuer Ornamente hielt er für eine zeitverschwenderische Degenerationserscheinung. Als solche verstand Loos insbesondere die Jugendstil-Ornamente von Wagners Schülern und Mit-arbeitern und beinahe alles, was aus der Wiener Werkstätte kam. Das von Adolf Loos für die Schneiderfirma Goldman & Salatsch errichtete Wohn- und Geschäftshaus auf dem Michaelerplatz kommt mit sparsam eingesetzter klassischer Ornamentation aus. Aber damit konnten die meisten an üppiges Neo-Barock gewöhnten Zeitgenossen noch viel weniger anfangen als mit dem „neuen“ Jugendstil-Dekor und verspotteten es als das „Haus ohne Augenbrauen“.

Literatur & Kaffeehaus

„Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben nichts weiter getan als gezeigt, dass zwischen einer Urne und einem Nachttopf ein Unterschied ist …“, schrieb Karl Kraus (1874-1936) – übrigens in Böhmen geboren – über die Geistesverwandtschaft mit seinem Freund Loos. Maler und Musiker, Architekten, Dichter, Journalisten und andere Intellektuelle trafen sich im Café Griensteidl, im Café Central oder im Café Museum. Das Griensteidl befand sich im Vorgängerbau des 1899 fertig gestellten neobarocken Palais Herberstein am Michaelerplatz. Das Herberstein-Palais zeigt jenen ornamentalen Reichtum, den viele am gegenüberliegenden, nur zehn Jahre später errichteten Goldman & Salatsch-Gebäude, heute „Loos-Haus“ genannt, vermissten. In den 1890er-Jahren war das Café Griensteidl Treffpunkt des Literatenkreises „Jung Wien“ um Hermann Bahr gewesen. Karl Kraus, ebenfalls Stammgast im Griensteidl, hatte an der anti-naturalistischen literarischen Moderne und ihrem Hang zur „Décadence“ vieles auszusetzen, besonders an Hermann Bahr. In der „Fackel“, der von 1899 bis 1936 herausgegebenen und zum größten Teil von Kraus allein verfassten Zeitschrift, machte er alles zum Stoff seiner Satire, was ihm missfiel. Solches Missfallen verschaffte Hermann Bahr jahrzehntelange Präsenz in der „Fackel“.

Nachdem Kraus ins Café Central gewechselt war, rechnete er in der Satire „Die demolirte Literatur“ mit der im Literatencafé beheimateten „Jung-Wiener-Dichtergalerie“ ab. Zum Titel veranlasste ihn der Abriss (die Demolierung) besagten Vorgängerbaus samt Schließung des Cafés Griensteidl 1897. (1990 wurde im Palais Herberstein ein neues Café mit dem Namen „Griensteidl“ eröffnet.) Nichtsdestotrotz war Karl Kraus Freund und Förderer von Peter Altenberg (1859-1919), des Lebenskünstlers und Kaffeehausliteraten par excellence, Zu dessen Freundeskreis wiederum zählte auch Alban Berg, ein Repräsentant der musikalischen Moderne, der Orchesterlieder nach Texten von Altenberg komponierte.

Musikalische Moderne: Atonalität und Antisemitismus

Der Begriff „Atonalität“ bezeichnet am ehesten die Reizungen, mit denen die gerade an die Spät-romantik gewöhnten Ohren des Publikums konfrontiert waren, wenn Musik Schönbergs und seines Schülerkreises (u. a. Berg, Webern, Wellesz), der „Zweiten Wiener Schule“, zur Aufführung kam. Schönberg, der später eine Methode der „Komposition mit zwölf Tönen“ entwickeln sollte, dirigierte am 31. März 1913 im Goldenen Saal des Musikvereins den als „Watschenkonzert“ in die Musik-geschichte eingegangenen Skandal. Am Programm standen Werke von Webern, Schönberg, Zemlinksy, Berg und Mahler. Nach der Pause, als Bergs Lieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg an der Reihe gewesen wären, beendete ein Tumult mit gerichtlichem Nachspiel das Konzert.

Gustav Mahler (1860-1911), auch in Böhmen geboren, war 1897-1907 Direktor der Wiener Oper und damit eine Art Regent der damaligen europäischen Musikszene. Streitigkeiten u. a. über zu häufige Engagements in anderen Städten und antisemitische Angriffe veranlassten Mahler schließlich, vom begehrten Amt des Wiener Hofoperndirektors zurückzutreten. Mahlers Gattin Alma ist wegen ihres abwechslungsreichen Liebes- und Ehelebens nicht nur Musikliebhabern bekannt. Das Paar hatte sich in einem der berühmten Salons des Wiener Großbürgertums, dem Bertha Zuckerkandls, kennen gelernt. Die schwierige Beziehung zu Alma mag mit ein Grund für Mahler gewesen sein, die Praxis des Dr. Freud aufzusuchen. Aber es kam bis ein Jahr vor Mahlers Tod nur zu abgesagten Terminen. 1910 trafen sich die beiden schließlich auf Reisen in Leiden (Holland) und Freud analysierte einen Nachmittag lang Mahlers Verhältnis zu Frauen.

Sexualität, Moral und Gesellschaft: Freud und Schnitzler

Üblicherweise fanden die Analysen in der Wiener Berggasse auf Freuds berühmter Couch statt und dauerten viel länger. Die Familie Freuds lebte seit 1860 in Wien, Sigmund war 1856 noch in Mähren zur Welt gekommen, in der neuen Heimat studierte er Medizin. 1896 verwendet Freud erstmals den Begriff „Psychoanalyse“, 1899 erscheint die auf 1900 vordatierte “Traumdeutung“. Dass Freud die Sexualität als Zentrum vieler Handlungen und Wünsche darstellt, stört(e) und verstört(e) viele. Seine Zeitgenossen um 1900 umso mehr, als in den ehelichen Beziehungen eine krasse Doppelmoral herrschte und alles Geschlechtliche ein von Ängsten und Neugier umgebenes Tabuthema war.

Wie Freud und Mahler, lernten sich auch Freud und Arthur Schnitzler (1862-1931) sehr spät kennen, obgleich sie in derselben Stadt lebten, in ähnlichen Kreisen verkehrten und verwandte Themen behandelten. Erst 1922 kam es zu einer persönlichen Begegnung und Freud schrieb in einem Brief an Schnitzler, er habe den Dichter wohl aus einer Art Doppelgängerscheu gemieden, da er in Schnitzlers Dichtungen die „nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse“ wie die eigenen zu finden glaubte.

Schnitzlers Vorfahren väterlicherseits stammten aus Ungarn. Arthur Schnitzler wurde zunächst Arzt wie sein Vater und befasste sich mit Hysterie- und Hypnosestudien. Als Schriftsteller behandelt er Sexualität, Verführung, Ehebruch und die damit verknüpfte Doppelmoral, aber auch den wachsenden Antisemitismus der Wiener Gesellschaft. Viele seiner Novellen und Theaterstücke, „Leutnant Gustl“, „Professor Bernhardi“, oder „ Der Reigen“, sind Klassiker der deutschen Literatur geworden. Schnitzlers „Traumnovelle“ inspirierte übrigens Stanley Kubrick zu seinem letzten Film „Eyes Wide Shut“ (1999).

Ödipus, Generationskonflikte und Traditionsverbundenheit

Die Geschichte von Ödipus, der seinen Vater tötete, ist seit der Antike Thema der Dichtkunst. Den Ödipuskomplex als wichtiges Entwicklungsstadium machte Freud bewusst. Vereinfacht und auf kulturelle Vorgänge umgelegt, müssen Künstler stets die Werke der vorausgehenden Generation in Frage stellen. Das geschah um 1900 deutlicher, als man es aus den Jahrhunderten davor kennt. Vielleicht, weil am Ausgang des „historistischen“ 19. Jahrhunderts mehr denn je ersichtlich war, dass es nicht nur den Stil der Väter gab. Waren doch so viele Stile der Vergangenheit erforscht und katalogisiert worden. Es kam zu lautstarken Austritten aus den Institutionen der Väter, wie dem Wiener Künstlerhaus, von dem sich 1897 die „Vereinigung bildender Künstler Österreichs“ abspaltete. Zu den Mitgliedern dieser bekanntesten Secession zählten Gustav Klimt (1862-1918), Kolo Moser (1868-1918), Josef Hoffmann (1870-1956) oder Joseph Maria Olbrich (1867-1908).

Zu mancher Entsetzen trat 1899 Otto Wagner, beinahe 60-jährig und seit 1894 ordentlicher Professor für Baukunst an der ehrwürdigen Wiener Kunstakademie, der Secession der „Jungen“ bei. Viele waren seine Schüler und Mitarbeiter: Olbrich, Architekt des 1898 errichteten neuen Ausstellungsgebäudes, ebenfalls Secession genannt, arbeitete an Wagners Stadtbahnbauten mit. Kolo Moser entwarf die Musenmedaillons an Wagners Haus Wienzeile 38 und Glasfenster für die Kirche am Steinhof. Hoffmann hatte u. a. bei Wagner studiert. Mit ihrem „Meister“ waren die Wagnerschüler fest in der Tradition verankert, was über dem Protest gegen die „historistischen“ Väter oft übersehen wurde. Selbst im Namen des Vereinsorgans der Secessionisten, Ver Sacrum (Heiliger Frühling), ist die Tradition präsent, verweist er doch auf einen antiken Brauch der Erneuerung.

Gustav Klimt (1862–1918), mit dem Heiligen Frühling um 1900 aufs engste verbunden, lernte in Ravenna und Venedig die Goldgründe und den ornamentalen Reichtum frühchristlicher und mittelalterlicher Mosaiken kennen. Seine „goldene Periode“ mit dem Hauptwerk „Der Kuss“ (1907/08) zeigt, wie er auf diese Vorbilder reagierte. Die freie Sinnlichkeit in vielen seiner Frauendarstellungen, Nacktheit, Schwangere und gewagte Posen illustrieren die Themen Tod und Eros, Kreislauf des Lebens, die in der Luft lagen und die in ihren „Medien“ auch Freud und Schnitzler behandelten.

Wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg reizten neue „Junge“ die Sehgewohnheiten: Egon Schiele (1890-1918) und Oskar Kokoschka (1886-1980), die bekanntesten Vertreter des österreichischen Expressionismus. Beide stellten 1908 bzw. 1909 unter Klimts Patronanz auf der Wiener Kunst-schau aus. Wenig früher, 1907, malte Picasso in Paris die „Demoiselles d’Avignon“, die als Initiationsbild des Kubismus gelten. Eine der wenigen modernen Bewegungen, auf deren Geburt „Wien um 1900“ keinen Anspruch erheben kann.

Abendröte und Habsburgnostalgie

Auf den Heiligen Frühling der Secession folgte kein Sommer, sondern der Erste Weltkrieg (1914-18). Darin ist aller ornamentaler Reichtum der Jahrhundertwende, ob nouveau oder klassisch, untergegangen, samt der Kultur, die ihn hervorbrachte. So konnte „Wien um 1900“ den Über-lebenden und den Nachgeborenen als glänzende Abendröte einer europäischen Hochkultur erscheinen. Joseph Roth (1894-1939) war kurz vor dem Ende der Habsburgermonarchie auch an einem der Ränder des Reiches zur Welt gekommen, in Galizien, heute Ukraine. Wie so viele der Genannten hatte Roth jüdische Vorfahren. Er schrieb, als die Zeit des entfesselten Antisemitismus anbrach, den „Radetzkymarsch“ (1932). Dieser Roman wurde und wird gerne als verklärend-nostalgische Darstellung der untergegangenen „k. u. k. Monarchie“ vereinnahmt, wenngleich er auch anders gelesen werden kann. Gerade Joseph Roth, exilierter Österreicher, katholischer Jude und sozialdemokratischer Monarchist, konnte gut zwischen Operette und Wirklichkeit unter-scheiden. Und erst recht musste er die Wirklichkeit der 1930er-Jahre als menschheits-geschichtlichen Rückschritt erleben, der selbst die gröbsten Unzulänglichkeiten der Monarchie in ein mildes Licht tauchte.

Bewegt um die Jahrhundertwende „Vienne en Tramway“ von 1906

Ins bewegte Leben Wiens zur Zeit der Jahrhundertwende hinein spicken – eine solche Zeitreise wird möglich anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Österreichisches Filmmuseum“. Der Standard.at und das Filmmuseum starten eine Serie historischer Amateurfilme, Wochenschauen, Werbe- und Industriefilme sowie Dokumentationen, die zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1970er-Jahren in Wien gedreht wurden.

Eröffnet wurde die Serie Stadtfilme. Bewegte Bilder aus Wien gestern mit einer unkommentierten Straßenbahnfahrt durch das Wien des Jahres 1906: „Vienne en Tramway“ (unten in der Youtube-Kurzversion, hier im Original des Filmmuseums in lang).

Zum Serienstart sprach Michael Matzenberger für Standard.at mit Paolo Caneppele, dem Archivleiter des Filmmuseums, und Siegfried Mattl, dem Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte, über die sich ändernde Rolle des Archivars durch Internet und Smartphones, das Wienerische im Film und Verkehrspolizisten, die in weißen Handschuhen die Stadt dirigieren (zum ganzen Interview).

Die zentralen Fragen? Na, ob man in den historischen Filmen aus Wien etwas „genuin Wienerisches“ erkennen kann, das Klischee vom Morbiden etwa oder vom Raunzertum…

Im Gegenteil, verneint Paolo Canepple:

„Tod und Trauer werden kaum behandelt, Begräbnisse sind fast nie zu sehen. Genauso selten sieht man Leute, die streiten. Es sind fast immer glückliche, warmherzige Momente bei Familienfeiern oder im Urlaub. Das ist ein starkes Motiv: Die Wiener fahren gern weg und kehren mit Filmaufnahmen im Gepäck genauso gern wieder zurück.“

Und Historiker Siegfried Mattl ergänzt:

Bei Werbefilmen wurde auch öfter mit dem Wiener Dialekt und dem Schmäh gespielt. Was mir jedenfalls aufgefallen ist, ist die relativ hohe Energie, die Amateurfilmer in dieser Stadt darauf verwendet haben, Chronisten ihrer Zeit zu sein – beim Bau der Ringstraßenpassagen etwa. Und einen Schauplatz gibt es, der sich in allen Formen durch die Zeit zieht: den Prater. Prater und Kamera, das ist fast eine Liebesbeziehung der Dinge.

Prater und Kamera – fast eine Liebesbeziehung der Dinge. Foto:  Duc-Mike Ducati

Posts für die Bim am laufenden Band

Beeindruckend übrigens das Interesse der Wiener an diesen alten Aufnahmen, in nur etwa eineinhalb Tagen sammelten sich immerhin 246 Posts zu Wien 1906: In der Tramway durch die Weltstadt an. Was die User an dem Film bewegte? Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag…

Das Prater-Foto wurde mir freundlich zur Veröffentlichung auf meinem Blog überlassen von Duc-Mike Ducati. Herzlichen Dank!

Ausgewählte Wiener Foodblogs laden zum Backen und Kochen

Schon wieder ist es meine österreichische Kommilitonin Astis, die mich auf ein Thema für einen Blog-Beitrag bringt. Auf ihrer Seite hat sie zu einer Blogparade aufgerufen und will wissen, was wir an anderen Blogs gut finden.

Da ich zu Wien recherchiere, versteht es sich, dass ein gutes Blog für mich eines ist, das mit Wien zu tun hat. Zugegeben führen mich die weiteren Recherchen recht bauchgesteuert zu einer zusätzlichen Unterkategorie, an der ich spontan „hängen bleibe“: das Blog soll mit Wien und Essen zu tun haben. (Zweifellos bringen mich die guten kulinarischen Erfahrungen vergangener Sommerurlaube im Salzburger Land auf diese Assoziation, meine Familie liebt österreichische Mehlspeisen wie Kaiserschmarrn, Dampfnudeln und Strudel, am liebsten auf einer Alm nach einer Wanderung durch die Berge).

Was ich neben dem inhaltlichen Thema spannend an Blogs finde, möchte ich anhand konkreter Beispiele zeigen, die mich bei meiner Suche angesprochen haben (hilfreich dabei die Liste der österreichischen Food-Blogger). Generell stelle ich fest, dass ich an solchen Blogs am ehesten hängen bleibe, bei denen schon die Aufmachung und die Fotos zeigen, dass jemand einen eigenen Zugang zu seinem Thema hat. Ich verweile dort, wo ich die Begeisterung des Bloggers für „sein“ Thema spüre, mein Auge auf eine kreative und gleichsam  übersichtliche Gestaltung trifft und wenn der Inhalt einen „handgemachten“ Eindruck hinterlässt und authentische Bezüge zum Bloggenden aufweist. Wichtig finde ich, dass ich etwas über die Autorin oder den Autor und seine Motivation zum Bloggen erfahre.

Einige lesenswerte Blogs zum Thema Essen aus Wien (weitere hier):

Ziii kocht… was

Für Susanne Zimmel verbinden sich beimBloggen selbstverständlich alle Leidenschaften, die ihr  Leben prägen. Ihr (übrigens mehrfach ausgezeichneter) Blog ist für sie eine wunderbare Möglichkeit, andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Die Wienerin möchte ihre Leser unterhalten und ihnen Freude am Kochen vermitteln. Daher versucht sie, ihren Foodblog nicht nur auf Rezepte und Kochanleitungen zu reduzieren. Schöne Fotos sind ein wesentlicher Bestandteil, für den sie sehr viel Zeit aufwendet, und um die Rezepte ranken sich immer Geschichten… (Mehr im Magazin Nido, da wird Frau Zii im Interview Blog der Woche portraitiert.)

Blaukraut nach Ziii.

 

 

Mein Blaukraut nach Ziii: die fruchtige Variante mit Orangen und Äpfeln (und ohne Karotten) habe ich – angeregt durch Frau Ziiis‘ asiatische Rezept – mit frischem  Koriander abgerundet. Zu Frau Ziiis‘ Originalrezept führt ein Foto-Klick.

Die Erdbeere

Hier stellt Anina Rezepte aus dem Familienschatz vor. Sie sind ein Konglomerat aus den Rezepten ihrer Mutter, ihrer Tante, alten und neueren Büchern und Zettelchen und Notizen. Für die studierte Modedesignerin ist die Küche ein kreativer und fröhlicher Ort. Ihre Küche in Wien ist gelb gestrichen und voll von Gläsern mit Mandeln, kandierten Früchten, Zuckersorten, von Phiolen mit Vanilleschoten und Gewürzen, von Döschen, Blechschachteln, Backformen, Kochbüchern und …

Orangenmond

Bloggerin Janneke arbeitet im Bereich Social Media und hat ihre erste Homepage im Alter von 12 Jahren auf einem Sommercamp “programmiert”. Seither hat sie das Internet nicht mehr losgelassen und startete 2009 ihr Experiment – Orangenmond. Hier sammelt sie Rezepte, teilt Fundstücke aus dem Netz und lässt ihrer Kreativität beim Umsetzen von Backideen freien Lauf. Ihr Ziel: Neues ausprobieren und zeigen, wie viel Spaß Backen machen kann!

Goldschwarz

Blogger Jürgen Liechtenecker verdient sein täglich Brot mit digitalem Marketing. Das Kochen hat er vor 25 Jahren begonnen, „weit vor den ganzen Jamie Oliver inspirierten Phasen, Kochsendungen und Foodblogs“. Der gebürtige Wiener versteht sich als Soul-Koch: er liebt  Gewürze und frische Kräuter und kocht asiatische Gerichte mit eigens zusammengestellten Gewürzmischungen. „Ach ja und unser Backrohr läuft fast rund um die Uhr, der Duft von feinen Mehlspeisen lockt so manchen Nachbar an.“

Die Kuechenchefin

Ursprünglich aus Vorarlberg kommt Bloggerin Katharina Schedler, weshalb sich das ein oder andere traditionelle Gericht aus ihrer Heimat in der Sammlung befindet. Die in Wien lebende Studentin präsentiert auf ihrem Blog hauptsächlich Gerichte, die schnell gekocht sind und keine genauen Maßangaben benötigen. Besonders gefallen hat mir auf der Seite das Rezept zu Zwetschgenmarmelade.

Zurück zum Wien um die Jahrhundertwende

Zum Schluss zum nationalen Heiligtum der Wiener Küche, dem Wiener Schnitzel, für das sich bemerkenswerter Weise in keinem der aufgeführten Blogs ein Rezept findet. Dafür thematisiert  das Wiener Restaurant „Zum Kellergewölk“  die Geschichte des Wiener Schnitzels und führt uns so zurück zur Zeit um die Jahrhundertwende. Der weltberühmte Name „Wiener Schnitzel“ soll nämlich erst 1908 geläufig geworden sein. Davor sei immer nur von „eingebröselten Kalbsschnitzen“ die Rede gewesen. Wem jetzt das Wasser im Munde zusammenläuft, dem sei der Link zum Gasthaus Plachutta (ein Tipp meiner Kommilitonin Astis) empfohlen, das sein original Wiener Schnitzel Rezept verrät.

Die Kaffeehäuser sind ur-leiwand, sagt meine Kommilitonin

Was an Wien besonders ist? Auf alle Fälle die Kaffeehäuser! Das – und weiteres durchaus Interessantes – meldet meine Schreibstudiums-Kollegin Astis aus Österreich (die den Blog  „Schreibweisen“ betreibt). Kaffeehäuser, meint Astis, „sind wirklich “ur-leiwand”, und jedenfalls einen Besuch wert“. Dass Kaffeehäuser typisch Wien sind und ich dazu schreiben werde, versteht sich (hab‘ sogar schon eine Dobos-Torte gebacken und fotografiert, um den bereits phantasierten Beitrag illustrieren zu können). Was aber soll „ur-leiwand“ sein? „Echt supa“, übersetzt die Kommilitonin freundlicherweise auf Anfrage.

Gut -„ziemlich gut“ also. Was aber steckt inhaltlich im Wort „leiwand“? Ich könnte warten, bis ich die Kollegin Ende Februar in Berlin persönlich fragen kann, vielleicht am Abend bei einem Bier. Da wir uns mit der Bloggerei jedoch im Modul „Schreiben am Computer“ befinden und dort lernen sollen, was es heisst, in Zeiten des Web 2.0 zu leben, recherchiere ich vorab am Bildschirm, anstatt auf die bevorstehende Face-to Face-Begegnungen zu setzen,. Ich tippe „leiwand“ in den Google-Sucher und siehe: es kommt einiges heraus.

Zunächst zeigt sich, dass meine Assoziation mit dem Bier gar nicht so schlecht war. So schreibt das Magazin Wien Stadtbekannt unter der Rubrik „Unnützes Wienwissen“:

Leiwand. Im 15. Jahrhundert wurde das Bürgerspital in Wien zu einem internationalen Zentrum des Textilhandels. Den feilschenden Kaufleuten wurde Bier ausgeschenkt, das wegen des Leinenhandels bald Leiwandbier hieß. Das Bier hatte rasch einen sehr guten Ruf und so wurde der Ausdruck leiwand bald sprichwörtlich für etwas, das großartig ist.

Ziemlich unverhofft konfrontiert meine weitere Recherche mich dann mit einer eigenen biografischen Erfahrung, die ich verdrängt hatte und die jetzt wieder aufbricht. So schwant mir bei der Lektüre des von Simone betriebenen Blogs WORTdealer dunkel, das ich den Begriff „leiwand“ schon kenne und ihn vielleicht sogar schon benutzt habe – reichlich ahnungslos freilich. Leiwand, erfahre ich bei WORTdealer, lässt sich nämlich „regulär steigern“. (Ein Komparativ, der meine Erinnerung an einen zwei Jahrzehnte zurückliegenden Skiurlaub im Stubaital weckt.)

Rodeln is leiwand. Snowboarden is leiwander. Schifoan is des leiwandste!

Erinnert uns WORTdealer. Na? Klingelt es bei jemandem? fragt die in Stuttgart lebende aber im Herzen Rheinländerin gebliebene Bloggerin Simone und erklärt: “Ja Schifoan is des leiwandste, wos ma si nur vuastan kann”, das haben wir alle schon mal gesungen, nur schätze ich, dass etwa 78% der Deutschen Mitgröhler – genau wie ich – dabei gar nicht so genau wussten, was sie da singen.

Wer noch mehr Details wünscht, dem sei das inzwischen wohl verwaiste Forum Wien: Ein(e) Deutsche(r) in … empfohlen, dort von Meinrad Guggenbichler auch der ganze Text des Liedes von Wolfgang Ambros zum Mitsingen…

Zuletzt bringt mich meine Recherche noch zur Einsicht, den Begriff „leiwand“ als Deutsche in Wien besser nicht benutzen wollen zu sollen. Denn, so Kabarettist Severin Groebner: die Piefkes (zur Kulturgeschichte dieses Begriffs Jochim Riedel in der ZEIT) seien dazu einfach nicht in der Lage: „Dem Deutschen ist einfach der unendliche Variantenreichtum der wienerischen Knatsch-, Knorrtsch-, Zisch – und Umlaute nicht beizubringen“, erklärt er und jammert: „Trotzdem beginnt der Deutsche, sobald er sich einem Wiener gegenüber wähnt, sofort „wienerisch“ zu sprechen, oder des, was er dafür hält“.

Den Rest und alles andere zum Thema leiwand, sagt Severin Groebner Ihnen auf seinem Youtube-Video unten selbst: Wiener Charme, es lohnt sich! (Mehr von ihm sonst z.B. in seiner Kolummne in der Wiener Zeitung.)

Fleisch, Freud und Familienforschung – eine Fortsetzung

Freud’s Butcher“Fleisch, Freud und Familienforschung” –  die Alliteration auf unserem Blog gefiel der amerikanischen Bloggerin Edie Jarolim. Auf freudsbutchers.com bezieht sie sich ausführlich auf unseren Artikel. Ebenso erläutert die studierte Literaturwissenschaftlerin in ihrem aktuellen Blogbeitrag die Idee, Johnny Depp die Hauptrolle in einem Film mit dem Titel „The Mad Butcher of Berggasse“ spielen zu lassen. Und sie stellt einen empirischen qualitativen Vergleich zur Frage der Brauchbarkeit der Übersetzungsmaschinen von Google und Bing an.

Die Grossnichte des Nachbarn und Metzgers von Sigmund Freud würde die gründlich  recherchierten Inhalte ihres lesenswerten Blogs am liebsten in ein Buch fassen. Dafür aber wären weitere Recherchen notwendig und Edie Jarolim müsste für eine Weile nach Wien reisen, um vor Ort noch mehr Quellen zu den Wurzeln der Familie Kornmehl aufzuspüren und zu analysieren. Kein leichtes Erbe. Denn der Inhalt ist – trotz des Staunens über die nachbarschaftlichen Beziehungen zum weltberühmten Begründer der Psychoanalyse – ein Kapitel mit vielen traurigen und belastenden Seiten: Zahlreiche Mitglieder der Familie Kornmehl wurden im Nationalsozialismus in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet.

Das Verschwinden dieser Personen hinterliess eine Lücke – im realen Leben wie in der Familiengeschichte. Für die Überlebenden ist die Auseinandersetzung mit dem Familienschicksal immer wieder schwierig gewesen, berichtet Bloggerin Jarolim. Die Erlebnisse im Holocaust waren zu schrecklich, als dass sie – auch von ihren Eltern – hätten in Worte gefasst werden können, so ist Vieles lange Zeit einfach verschwiegen geblieben. Was die Identität der Familie Kornmehl ausmacht, kam wohl erst wieder neu und lebendig ins Bewusstsein, als Jill Kornmehl in mühevoller Kleinarbeit die Verzweigungen des Stammbaumes nachvollzog und Edie Jarolim ihren Blog freudsbutcher.com startete.

Der Blog zur Familie Kornmehl hat Chancen, sich noch weiter zu entwickeln. Edie Jarolim Buchprojekt scheiterte bislang am finanziellen Spielraum. Nachdem sich ihre Hoffnung auf ein Stipendium bei einem möglichen Geldgeber kürzlich zerschlagen hat, überlegt sie  neue – auch digitale – Wege zu einer Finanzierung. Sollte kein anderer Stipendiengeber einspringen oder sich eine andersweitige Förderungsmöglichkeit ergeben, kommt für die hauptberuflich als  Autorin und Lektorin tätige Amerikanerin auch eine Verwirklichung über das  Instrument des „Crowdsourcings“ in Frage.

Wir wünschen Edie Jarolim für die Weiterführung ihres Projekts zum Autobiografischen Schreiben, zur Erforschung der Geschichte der Wiener Familie Kornmehl und zur Erschliessung neuer Quellen zu Sigmund Freud auf alle Fälle viel Erfolg. Wie es ihr mit der Verwirklichung ihres Buchprojektes geht, werden wir sicherlich auf auf ihrem Blog verfolgen können. Und wer weiss: Vielleicht entsteht daraus am Ende tatsächlich sogar noch ein Kinofilm mit mit dem Titel “The Mad Butcher of Berggasse” und Johnny Depp in der Hauptrolle? (Zur Biografie des Schauspielers der Blog des Niederösterreichers Bernhard Gusenbauer)

Crowdsourcing – was ist das?

Eine erste sozialwissenschaftliche Annäherung an das vergleichsweise  junge Phänomen des Crowdsourcing erarbeitete Christian Papsdorf (vgl. Wikipedia) mit folgender Definition:

„Crowdsourcing ist die Strategie des Auslagerns einer üblicherweise von Erwerbstätigen entgeltlich erbrachten Leistung durch eine Organisation oder Privatperson mittels eines offenen Aufrufes an eine Masse von unbekannten Akteuren, bei dem der Crowdsourcer und/oder die Crowdsourcees frei verwertbare und direkte wirtschaftliche Vorteile erlangen.“ Ch. Papsdorf: Wie Surfen zu Arbeit wird. Crowdsourcing im Web 2.0, 2009, S. 69.

Weitere Beiträge zum Thema finden sich auf der Site von Stefan Peschel. Der Blogger veröffentlicht unter www.kultur2punkt0.de zahlreiche Beiträge zu dieser unkonventionellen Art der Kulturförderung. Unter anderem berichtet er, wie damit damit der Kurzfilm Das Mädchen mit der Violine in Dresden verwirklicht werden konnte.

Zu den Wurzeln der Familie auf freudsbutcher.com

Fleisch, Freud und Familienforschung – auf dieser Grundlage betreibt die Amerikanerin Edie Jarolim seit eineinhalb Jahren das lesenswerte Blog freudsbutcher.com. Ihr Grossonkel mütterlicherseits, Siegmund Kornmehl, besass um die Jahrhundertwende eine Metzgerei in der Wiener Berggasse 19. Eine weltbekannte Adresse, denn im selben Haus wohnte und praktizierte Sigmund Freud. Wo einst ihr Grossonkel und der Namensvetter Freuds frisch Geschlachtetes über die Ladentheke reichte, befinden sich heute Teile des Freud-Museums.

Das Blog bietet ein schönes Beispiel für eine kreative Form des autobiografischen Erzählens. Es wird gezeigt, wie man ein „weit ausholendes Familiengemälde mit allen nur denkbaren Verzweigungen“ entwickeln kann (siehe Ortheil, Hanns-Josef. Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens. Berlin 2013, erschienen bei Duden, S. 242, besprochen in diesem und diesem Blog).

Edie Jarolim portraitiert die verschiedenen Generationen ihrer Familie anhand von biografischen Daten, kurzen Lebens-Episoden und Fotos. Sie findet dabei den Weg zurück bis ins 19. Jahrhundert zu den polnischen Wurzeln ihrer Familie. Viele ihrer Vorfahren wurden später in der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet, darunter eben auch jener Wiener Grossonkel Siegmund Kornmehl sowie ihre Grosseltern. Eine belastende Vergangenheit, die zu erinnern  sehr schmerzhaft sein muss.

Die Spurensuche in Wien lässt auch – aber nicht nur nicht nur – das Schreckliche aus dem lange Zeit vergessenen und verdrängten Material der Vorfahren zutage treten. Vielmehr heben die Recherchen neue Facetten der Familiengeschichte ans Licht und so  ins Bewusstsein. Dazu gehört beispielsweise auch die Frage, ob wohl der eigene Grossonkel das Fleisch für Siegmund Freuds geliebten Rinderbraten pariert haben mag…

Von ihren eigenen Wurzeln ausgehend knüpft Edie Jarolim geschickt weitere Fäden zu  historischen und kulturellen Fragen von allgemeinerem Interesse. Themenleitend sind für sie dabei stets drei Kategorien von Fragen, denen das Material unterworfen wird:

1. Wie kann ich mehr über meine Vorfahren herausfinden (Stammbaum, Familienforschung)

2. Wie sah die Beziehung der Nachbarsfamilie zu Freud aus (Psychologie)

3. Wie war es, als koscherer Metzger um die Jahrhundertwende in Wien zu leben (Fleisch)

Die so entstehenden Beiträge sind authentisch und lassen die vitale Neugierde der Bloggerin an „ihrer Sache“ spontan auf den Leser überspringen. So ergibt sich sowohl zur Geschichte Wiens als auch zur Freud-Forschung neues Material.

Den Psychiater Sigmund Freud analysiert Edie Jarolim passend aus einem sehr privaten Blickwinkel heraus – als Brillenträger, Hundeliebhaber und als möglicher Liebhaber seiner Schwägerin  (NZZ zur Minna-Frage), gleichzeitig hält sie sich durch die Verwendung zahlreicher Literatur- und Quellenangaben an die Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens. Unter den Kommentatoren ihres Blogs entwickeln sich auf dieser Grundlage lebendige Diskussionen.

Noch mehr davon? Ein weiteres Blog der hauptberuflich als Schriftstellerin und Lektorin tätigen Amerikanerin heisst willmydoghateme.com